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Maria Hofbauer

 
Beinahe über Nacht beginnt sich das Blatt zu wenden: ein abendlicher oder auch nächtlicher Anruf, im Zuge dessen sich mit einiger Mühe - ob der Panik des einen Elternteils am anderen Telefon bringen nur gezielte Fragen brauchbare Informationen – herauskristallisiert, dass es dem anderen Elternteil – meist bedingt durch einen Sturz - gesundheitlich schlecht geht.

Die Panik steigerte sich im konkreten Fall durch die Tatsache, dass der Hausarzt an diesem Tag keinen Bereitschaftsdienst hatte und somit nicht erreichbar war und der Gedanke, einen anderen – diensthabenden – Arzt anzurufen, gar nicht erst ins Spiel kam. Es gelang mir, die Situation ein wenig zu beruhigen, indem ich versprach, sofort zur elterlichen Wohnung zu fahren und vorher noch medizinische Hilfe zu organisieren. Der Rettungswagen war schon vor Ort, als ich eintraf; meine Mutter war ansprechbar und auch mein Vater hatte seine Fassung wiedererlangt. Bei der anschließenden Untersuchung bestätigte sich allerdings der Verdacht, der in mir beim Anblick meiner Mutter aufgekeimt war: sie war schon einige Tage zuvor gestürzt und hatte jede ärztliche Hilfe verweigert, weil sie der fixen Meinung war, die Schmerzen würden alleine durch die Verwendung von Hausmitteln verschwinden. Dass 100ml Blut im Kniegelenk sich nicht in Luft auflösen, sondern im Gegenteil Unbeweglichkeit und extreme Schmerzen bis zur Bewusstlosigkeit verursachen, weiß sie seit diesem Tag, ganz zu schweigen davon, dass sie unwahrscheinliches Glück hatte, als sie beim Sturz auf Steinplatten im Gesicht lediglich blaue Flecken davontrug.

Nach solch einschneidenden Erlebnissen beginnt man, seine Eltern mit anderen Augen zu sehen. Plötzlich wird deutlich, wie sehr sich in den letzten Monaten die Sehkraft oder das Gehör verschlechtert hat und von einem Tag auf den anderen wird man brutal mit einer Realität konfrontiert, die den endgültigen Abschied von der Kindheit bedeutet: die eigenen Eltern, jene fixe Größe, die dem kindlichen Leben Stabilität und Sicherheit verliehen hat, werden zusehends hilfsbedürftig. Der Alltag verläuft noch unproblematisch, aber alles Unbekannte verunsichert und macht Angst – sei es eine vermeintlich fremde Rufnummer auf der Aufstellung zur Telefonrechnung, sei es eine technische Neuerung, die ihnen das Leben erleichtern könnte, mit deren Handhabung sie jedoch trotz mehrmaliger Erklärung überfordert sind oder seien es auch Berichte in den Medien, die von einer Zeit erzählen, die nicht mehr die ihre ist. Nicht genug damit: Behördengänge werden zu einem schier unüberwindbaren Hindernis, weil die Abläufe nicht mehr jenen entsprechen, die früher üblich waren und Arztbesuche, die dringend erforderlich wären, werden vermieden, um die Konfrontation mit möglicherweise unangenehmen Wahrheiten zu vermeiden. Das Tempo des heutigen Lebens überfordert sie völlig und bewirkt eine Vielzahl von Nachfragen auch bei Alltäglichkeiten, ganz zu schweigen von größeren Entscheidungen und Ereignissen.

Während die Generation unserer Kinder allmählich zu jungen Menschen heranwächst, beginnt sich der Kreis des Lebens dadurch zu schließen, dass die Zeit gekommen ist, unseren Eltern zur Seite zu stehen und nun selber die Felsen in der Brandung zu sein …
Kettcar1979 meinte am 17. Jan, 10:54:
Sehr schön formuliert.
Sehr schön formuliertet Text, geht mir Nahe.

Grüße,

Eric 
 

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