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Mein Vater war in jüngeren Jahren ein leidenschaftlicher Bergsteiger, der – aufgrund seiner unglaublichen Kondition sehr oft im Alleingang – die meisten Gipfel der österreichischen Alpen und der Dolomiten bezwang. Für die Berge der näheren Umgebung reichte ein Wochenende im Frühling oder Herbst, für die weiter entfernten nahm er ein paar Tage Auszeit, um dann um drei oder vier Uhr morgens mit unserem Auto gen Südwesten aufzubrechen. In den Tagen davor war schon sein Reisefieber zu spüren. Bergschuhe, Seil und Steigeisen wurden einer sorgfältigen Prüfung unterzogen und gegebenenfalls das in der nahegelegenen Bezirkshauptstadt ansässig gewesene Sportfachgeschäft aufgesucht, um verschleißendes Material zu erneuern. Manchmal durfte ich dabeisein, und erst viele Jahre später verstand ich, dass er dort keineswegs nur als Umsatzbringer in den Genuss einer zuvorkommenden Behandlung kam, sondern weil er in unserer Gegend einen exzellenten sportlichen Ruf besaß und es für das Geschäft eine erstklassige Referenz darstellte, wenn mein Vater dort einkaufte. Am Vorabend wurde alles Notwendige eingepackt und der Rucksack verschnürt; der Geruch des Schuhleders und des Rucksackes hat sich seit dieser Zeit in meiner Erinnerung festgesetzt. Damals war ich noch keine sechs Jahre alt, und die ganzen Vorbereitungen hatten für mich etwas aufregendes und abenteuerliches an sich. Dass ich während der Abwesenheit meines Vaters im elterlichen Doppelbett schlafen durfte, erleichterte mir den Abschied wesentlich, dass der Tagesablauf an diesen Tagen ein weniger geregelter war, ebenfalls. Von meinen Eltern war es zwar nicht vorgesehen, dennoch wachte ich am Abreisetag meistens mitten in der Nacht auf, obwohl meine Eltern sich beim Frühstück sehr leise unterhielten. Es gab keine Tränen, aber dafür beim Abschied stets das Versprechen eines Mitbringsels.

Die zwei oder drei Tage ohne meinen Vater vergingen immer wie im Fluge; an jenem Tag, von dem ich wusste, mein Vater würde wieder heimkommen, stieg die Spannung beträchtlich an. Bei meiner Mutter auch aus Angst, weil zur damaligen Zeit Handys noch blanke Utopie waren und sie bis zu seiner Rückkehr nie sicher sein konnte, dass ihr Mann seine Bergtour unbeschadet überstanden hatte, bei mir vor allem aus Vorfreude und Neugier auf das zu erwartende Geschenk, denn von dem, was bei seinen Unternehmungen schlimmstenfalls hätte geschehen können, machte ich mir kein Bild. Ich war mir sicher, dass er unbeschadet heimkommen würde – es konnte gar nicht anders sein, schließlich handelte es sich um meinen Vater, der immer wusste, was er tat und den ich auf eine kindlich-naive Weise für unverletzbar hielt. Irgendwann im Laufe des Nachmittags hörte ich unseren Wagen die Straße heraufkommen und meine Mutter und ich rannten aus dem Haus und die Treppe hinunter, um gerade recht zu kommen , wenn er in die Einfahrt einbog. Immer stieg mein Vater braungebrannt und strahlend aus, stolz auf seinen Sieg über den Berg und glücklich, wieder bei seiner Familie zu sein. Den Rest des Tages verbrachten meine Mutter und ich damit, den Erzählungen meines Vaters zuzuhören – meine Mutter voll Bewunderung und auch Schaudern ob der Gefahren, die sie trotz fehlender Erwähnungen sehr wohl kannte, und ich, weil mir seine Geschichten zwischen den Zeilen davon erzählten, wie schön es auch anderswo sein kann und wie wichtig es ist, manchmal Abstand vom Alltag zu gewinnen. Im Laufe dieses atemlosen Zuhörens wurde auch die Neugier immer größer, ob sich wohl irgendwo in den Tiefen des Rucksacks oder auch im Auto ein Souvenir fände. Selbstverständlich war das nicht, weil es auch ein- oder zweimal vorgekommen war, dass mein Vater in Gegenden unterwegs war, wo sich weit und breit keine Touristen aufhielten und somit auch Geschäfte mit Reiseandenken obsolet waren, sodass er mit leeren Händen heimkam.

Da er jedoch zur damaligen Zeit gerade dabei war, die Südtiroler Bergwelt zu erkunden, fanden stets wundervolle Geschenke den Weg zu meiner Mutter und mir. Während seiner Erzählungen tauchte dann meist ganz unerwartet etwas auf, das er unterwegs erstanden hatte. Nun ja, nicht unerwartet, nur hatte ich in meiner Begeisterung meistens übersehen, dass schon die längste Zeit ein Päckchen neben ihm lag. Ich erinnere mich noch an wunderbare italienische Puppen, die – mit kunstvollen Frisuren und Abendroben versehen – mehr zum Ansehen und Bewundern als zum Spielen gedacht waren und fast meine Körpergröße hatten. Stunden verbrachte ich damit, die schönen Damen in meine Kinderkleidung zu gewanden, was sie mir allerdings auf Dauer meist verübelten, indem plötzlich ein Arm oder ein Fuß lose wurde, was aber der Liebe keinen Abbruch tat. Ja, und einmal stand im Zuge des väterlichen Reiseberichtes dieses Kästchen vor mir auf dem Tisch:

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Dieses Mal hatte mein Vater noch einen Abstecher zur Riviera gemacht und dort eine geheimnisvolle Holzschachtel erstanden; er erzählte davon, wie man dortselbst auf Märkten und auch in Geschäften handeln müsse, weil man sonst von vornherein nicht ernstgenommen würde, erzählte davon, wie lebensfroh und begeistert die Menschen in Italien die Tage so nahmen, wie sie kamen, erzählte von farbenfrohen alten Städten, von Wärme und Gastfreundschaft. Er war amüsiert über das Temperament und die Theatralik jener Frau, die ihm diese Schatulle nach längerem Feilschen verkauft hatte. Bei näherer Betrachtung entpuppte sich das Kästchen als Spieluhr mit einer wunderschönen unbekannten Melodie, die erklang, sobald der Deckel geöffnet wurde. In diesem Augenblick gab es auch sein zweites Geheimnis preis:

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Hinter den beiden Tänzerinnen befinden sich fünf Spiegel, die beim Blick von vorne ein ganzes Ballett erscheinen lassen, ein Wunder, das mich als kleines Mädchen stundenlang gefangennehmen konnte. Diese Spieluhr zählt zu meinen ganz besonderen Kindheitserinnerungen. Sie musiziert schön wie am ersten Tag, und auch wenn die beiden Balletteusen schon ein wenig Farbe verloren haben, fasziniert mich ihr Tanz noch immer. Ein Hauch von Exotik und Fernweh umgibt sie, und bei ihrem Anblick ist mir, als sei ich erst gestern als kleines Mädchen auf dem Küchensofa gesessen, um den Erzählungen meines Vaters zu lauschen ...
Waterworld meinte am 7. Sep, 14:50:
Eine
schöne Erinnerung! 
 

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