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In der vergangenen Woche entdeckte ich auf einem meiner literarischen Streifzüge ein Buch, dessen Titel meine Aufmerksamkeit sofort auf sich zog. Es trägt den Titel "Lob der Disziplin" und wurde von Bernhard Bueb, dem früheren Leiter der Internatsschule Salem, verfasst. Sehr neugierig geworden, was der Autor zu diesem Thema, das mich beruflich, privat und auch allgemein gesellschaftlich interessiert, zu sagen hat, kaufte ich es - mit durchaus gemischten Gefühlen. Anziehend fand ich den Untertitel, der lautet: "Eine Streitschrift", und geradezu verwegen den Mut des Verfassers und/oder des Verlages, das Wort "Disziplin" im Titel zu führen, einen Begriff, der in den letzten hundert Jahren mehr als einmal gründlich missbraucht und falsch verstanden wurde.

Man soll zwar den Tag nicht vor dem Abend loben, aber ich bin bei meiner neuesten Lektüre mittlerweile beim letzten Drittel angelangt und sage ganz offen: Dieses Buch gefällt mir außerordentlich gut.

Der Autor ist 1938 geboren und somit von vornherein unverdächtig, an den Geschehnissen des 2. Weltkrieges beteiligt gewesen zu sein. Wohl wissend, welcher Zündstoff sich in Deutschland auch noch im Jahre 2006 hinter manchen Begriffen verbirgt, distanziert er sich bereits im Vorwort von der Interpretation der Disziplin während der NS-Zeit, um dann mit sehr viel pädagogischer Weitsicht von gesellschaftlichen Problemen der Jetztzeit, von fehlinterpretierter antiautoritärer Erziehung und von Entwicklungsstadien der kindlichen Persönlichkeit zu erzählen, wobei er auch Beispiele aus seinem beruflichen Alltag einbringt und somit seine Sicht der Dinge veranschaulicht. In vielen Punkten stimme ich mit ihm überein; was er schreibt, deckt sich mit dem, was ich in Beruf und Erziehungsalltag an meiner Tochter und anderen Kindern beobachte. Bedauerlich finde ich in diesem Zusammenhang allerdings, dass sich "Die Zeit" nicht zu schade ist, einem meines Erachtens sehr polemischen Kommentar zu diesem Buch Raum zu geben und so die Chance einer längst überfälligen sachlichen Auseinandersetzung mit der Thematik versäumt hat.

Bernhard Bueb erinnert mich an jene meiner Professoren, die von uns Schülern einerseits Leistung und Aufmerksamkeit einforderten, andererseits jedoch auch selber bereit waren, buchstäblich noch mit Krücken zur Schule zu humpeln, um ihrer Verpflichtung nachzukommen. Diese Art Lehrer musste nicht brüllen, um sich Autorität zu verschaffen, denn es stand fest, dass sie Pädagogen aus innerster Überzeugung waren. Konzentrierte Stille breitete sich aus, sobald sie vorzutragen begannen. Streng waren sie, jedoch auch fair, denn niemand fiel durch, solange die Mitarbeit gegeben war, wobei jemand, der zwar vieles wusste, aber es nicht für notwendig erachtete, sich auf den Unterricht zu konzentrieren und stattdessen seine Mitschüler störte, bei der Benotung sein blaues Wunder erleben konnte. So viel wie bei dieser Spezies von Lehrern haben wir bei keinen anderen Pädagogen gelernt - der damals vermittelte Fundus an Wissen ist so groß, dass ich sogar heute noch davon zehre. Selbstverständlich gab es auch die "Neuen", die gerade von der Universität gekommen waren und ihren Eifer daran setzten, neue Methoden im Umgang zwischen Lehrern und Schülern einzuführen. "Ausdiskutieren" lautete die Devise, allerdings haben wir damals in unserem Wissensdurst nicht recht verstanden, was es am Unterrichtsstoff auszudiskutieren gäbe. Mitbestimmen zu können, wenn es beispielsweise um Gemeinschaftslektüre ging, war uns ohnehin auch von den Lehrern alten Schlages geläufig; was die jungen Pädagogen versuchten, war, erfühlte (und oft genug auch projizierte) Spannungen auf dem Wege der Diskussion aus dem Weg zu schaffen. Zu Tode gelangweilt haben wir uns während solcher Unterrichtseinheiten, zumal wir allesamt wenig Lust verspürten, unser Seelenleben vor jemandem auszubreiten, der deutlich älter war als wir, obwohl er seiner eigenen Einschätzung nach sich wohl für einen beinahe gleichaltrigen Freund hielt, was uns in erster Linie verunsicherte. Wie sollten wir auch jemandem vertrauen, der offensichtlich Angst davor hatte, als Respektsperson zu gelten ?

Reden ist wichtig, um Probleme aus der Welt zu schaffen beziehungsweise die Entstehung von gravierenden Missverständnissen zu verhindern, allzu ausführliche Erklärungen können jedoch das Gegenteil dessen bewirken, was die Absicht dahinter ist - nämlich ein stabiles Vertrauensverhältnis zu schaffen. Aus meiner eigenen Erziehungspraxis habe ich übrigens zu dieser Thematik eine interessante Anekdote beizusteuern:
Da speziell meine Mutter Schwierigkeiten hat, Dinge offen auszusprechen, wurde ich als Kind (zu) oft vor vollendete Tatsachen gestellt. DAS sollte mir bei meiner Tochter nicht passieren, und so gab ich ihr gerne zu den innerfamiliären und auch allgemeinen Verhaltensregeln altersgemäße Erklärungen, um Sachverhalte und Zusammenhänge für sie transparenter zu machen. Im Alter von etwa 5 Jahren begann sie, auf manche dieser Erklärungen, sofern sie etwas ausführlicher waren (jedoch keineswegs länger als fünf Minuten dauerten), aggressiv-abwehrend zu reagieren. Als mir eines Tages der Zeitpunkt passend schien, fragte ich meine Tochter, ob sie mir sagen könne, warum sie denn auf diese Art und Weise reagiere, woraufhin ich zur Antwort bekam: "Weil mir, wenn du was länger erklärst, immer vorkommt, dass du dir nicht sicher bist."
 

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