Das junge Mädchen hatte es eilig damit, an diesem schönen Sommertag, der baldige unbeschwerte und lange Schulferien verhieß, nach Hause zu kommen. Der Bus, mit dem sie täglich die Strecke zwischen der nahegelegenen Bezirkshauptstadt und ihrem Elternhaus zurücklegte, schien viel zu langsam zu fahren, aber schließlich fand sie sich doch an der Bushaltestelle wieder, hörte das rasselnde Geräusch des abfahrenden Busses und überquerte rasch die hölzerne Fußgängerbrücke, die zu dem Waldstück führte, an dessen Ende das Haus ihrer Eltern stand. Sie drückte die Klingel, woraufhin ihre Mutter die Tür öffnete, stürmte nach einer hastigen Begrüßung in die Wohnküche und blickte gespannt auf jene Stelle der Ablage beim Hängeschrank, auf der ihre Mutter die an ihre Tochter gerichtete Post abzulegen pflegte. Was sie dort sah, ließ ihr Herz höher schlagen. Mit zitternden Händen griff sie in der Bestecklade nach einem Messer, um den Brief nicht mit bloßen Händen aufzureißen, was ihr wie ein Frevel erschienen wäre. Sie öffnete das pastellfarbene Kuvert und zog einen Bogen händisch beschriebenen Papiers heraus, dessen Inhalt sie schon kannte, bevor sie ihn las, und dennoch verschlang sie mit atemlosem Herzklopfen jedes einzelne Wort, das dort geschrieben stand.
Sie war glücklich.
Sie las den Brief drei, vier, fünf Mal, vielleicht auch öfter. Und sie erinnerte sich daran, wie diese wunderbare, märchenhafte, romantische Zeit begonnen hatte – damals an diesem trostlosen Silvesterabend.
Silvester war für ihre Eltern kein besonderer Tag; bei ihnen war es eher üblich, am Neujahrstag Verwandte zu besuchen und gute Wünsche für das Neue Jahr zu überbringen. Darüber hinaus stand ihr Wohnhaus weit abgelegen vom Rest des Dorfes, durch ein Wäldchen von diesem getrennt, sodass auch das Beobachten des kleinen im Ort stattfindenden Feuerwerkes sich in dem Anblick des Lichtscheines zwischen den Bäumen erschöpfte. Als Kind hatte sie von den Silvesterbräuchen in anderen Familien nichts gewusst, als sie jedoch mit nicht ganz sechzehn Jahren begann, an den Wochenenden auszugehen, tat sich ihr eine andere Welt auf. In der Diskothek im Nachbarort, die glücklicherweise eine der beliebtesten im Umkreis von fünfzig Kilometern war, fand sich schnell eine Clique von gleichaltrigen Mädchen aus ihrem Wohnort zusammen, sodass die Wochenenden immer zu kurz wurden. Tanzen, ja das war es ! Der Discjockey machte seinen Job zwar nur nebenberuflich, hatte jedoch ein sagenhaftes Händchen für die richtige Musikauswahl, bei der keine Vorlieben zu kurz kamen, was wiederum für ein stets volles Lokal sorgte. Nur an diesem einen vertrackten Silvesterabend lief einiges schief, denn aufgrund der Tatsache, dass zwei große private Silvesterfeiern bei Leuten mit sturmfreier Bude stattfanden, war ihr Stammlokal nur mäßig besucht. Es war nicht ungemütlich, nein, das nicht, aber es wollte auch keine rechte Stimmung aufkommen. Die anderen Mädchen, mit denen sie sonst den größten Teil ihrer Freizeit verbrachte, hatte sich bei einer der anderen Feiern eingefunden; M. hätte jederzeit mitkommen können, wollte aber nicht, weil sie privaten Feiern etwas skeptisch gegenüberstand, vor allem dann, wenn für diese kistenweise Alkoholvorräte gehortet wurden. Sie trank gerne ein Glas eines guten Getränkes – das war es aber auch schon, denn sie wollte sich mit Leuten unterhalten und eine gute Zeit haben, was aber mit zunehmendem Alkoholpegel der Umgebung schwierig bis unmöglich wurde. Also war sie alleine in die Disco gefahren, hatte sich dort an die Bar gesetzt und sich ein wenig mit den Wirtsleuten und ein paar anderen Bekannten unterhalten, die aber später ebenfalls zu einer Party aufgebrochen waren. Sie musterte unauffällig die anderen Gäste, die um die große Bar herum saßen. Die meisten kannte sie nur vom Sehen; zwei Hocker weiter unterhielt sich eine schon beinahe erwachsen wirkende Frau mit einem jungen Mann. Sie überlegte kurz, ob sie den Beiden schon einmal begegnet war, konnte sich aber nicht an die Gesichter erinnern. Wahrscheinlich waren die Zwei während der Weihnachtsferien zu Besuch bei Verwandten und wollten jetzt zur Abwechslung unter Gleichaltrigen sein; so etwas kam öfter vor und sorgte manchmal für interessante Bekanntschaften und neue Impulse.
Der Zeiger der Uhr rückte unerbittlich gegen Mitternacht, aber nach wie vor hielt sich der Zustrom der Gäste in Grenzen. M. begann, vor sich hin zu grübeln, was sich jedoch bald als schwerer Fehler erwies, denn ihre Gedanken schweiften ab in die dunklen Gefilde unerfüllter Sehnsüchte, in denen sie sich einer Flutwelle von Gefühlen ausgesetzt sah, die sie nicht mehr in den Griff bekam, was dazu führte, dass sie, als die Uhr Mitternacht schlug, weinend an der Bar saß. Das fehlte gerade, und dann auch noch in ihrem Stammlokal ! Von lautem Schluchzen konnte zwar keine Rede sein, sondern sie weinte ihre Tränen still vor sich hin, fand sich selbst aber trotzdem arg daneben und bemühte sich, den Kopf einzuziehen und die anderen Gäste, die ohnehin mit Zuprosten beschäftigt waren, nicht merken zu lassen, wie es um sie stand.
Als sie plötzlich direkt neben sich eine männliche Stimme vernahm, die zweifellos an sie gerichtet war, erschrak sie, drehte sich um – und sah in zwei wunderschöne Augen, die sie einfühlsam musterten. Was die Stimme sagte, registrierte sie fürs erste überhaupt nicht, sie verstand nur, dass da jemanden ihr Gefühlszustand nicht kalt ließ und antwortete diffus und befangen. Überraschend schnell entwickelte sich ein angeregtes Gespräch, und bereits nach wenigen Minuten war die restliche Welt um die Beiden herum versunken. Sie unterhielten sich über Gott und die Welt und spürten dabei, dass sich eine Magie um sie herum aufbaute, die beide noch nie zuvor gekannt hatten. Es stellte sich heraus, dass der junge Mann aus einer benachbarten Ortschaft stammte, jedoch in einer etwas weiter entfernten Stadt eine Fachschule besuchte, weshalb er nur die Wochenenden in seinem Heimatort verbrachte. M. registrierte nur mehr am Rande, dass sich nach und nach wieder alle möglichen bekannten Gesichter einfanden, die nach Beendigung der Privatfeiern, welche nur mäßig unterhaltsam gewesen waren, hierherkamen, um Stimmung zu machen. Als gegen Morgen die Gäste weniger wurden, wollte C.’s Begleiterin, die seine ältere Schwester war, die Heimfahrt antreten. Man trennte sich schweren Herzens, jedoch mit dem Versprechen, einander am kommenden Wochenende hier wieder zu treffen, was dann auch unter bangem Herzklopfen und nach Tagen zaghafter Vorfreude, durchmischt von der Angst vor einer Enttäuschung, geschah. Daraus entwickelte sich eine wunderbare Liebesgeschichte. Von Montag bis Freitag wartete jeden Tag ein Brief auf M., in dem manchmal Alltäglichkeiten Platz fanden, meist jedoch die Seiten vor Liebe und Zärtlichkeit beinahe übergingen. Nicht in sexueller Hinsicht, o nein, dafür waren beide noch zu unsicher; das Pflänzchen „Liebe“ wollte wachsen und gedeihen, ohne Zeitdruck und ohne Zwänge. Die Briefe wurden natürlich umgehend beantwortet, ebenso atemlos und zärtlich. Als die beiden jungen Leute eines Tages in der Diskothek, die mittlerweile auch sein Stammlokal geworden war, einander innigst küssten, meinte einer der bereits erwachsenen Gäste halb im Ernst, halb im Spaß, dass es wohl besser wäre, die Beiden würden „miteinander ins Bett gehen“. M. und C. vermieden es, einander in die Augen zu sehen, und wussten doch beide, dass er auf seine etwas derbe Art wohl recht hatte. An einem warmen, regnerischen Frühlingsabend ließen sie zu ersten Mal ihrer beider Liebe rückhaltlos freien Lauf. Die ganze Zärtlichkeit der vergangenen Monate entlud sich, während der Duft von feuchter Erde und bunten Sommerblumen den Raum durchzog, und mit leiser Melancholie sang Rod Stewart „The first Cut is the deepest“.
Dieser wundervolle Abend lag nun bereits einige Wochen zurück. M. hielt den Brief in ihren noch immer zitternden Händen und hätte die Welt umarmen können. Es war gut, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass seine Briefe bald zurückhaltender wurden und dass er ihr an einem Samstag zu Beginn der Sommerferien äußerlich kühl mitteilte, er müsse „Schluss machen“, weil seine Eltern diese Liebe nicht tolerieren würden.
Sie war glücklich.
Sie las den Brief drei, vier, fünf Mal, vielleicht auch öfter. Und sie erinnerte sich daran, wie diese wunderbare, märchenhafte, romantische Zeit begonnen hatte – damals an diesem trostlosen Silvesterabend.
Silvester war für ihre Eltern kein besonderer Tag; bei ihnen war es eher üblich, am Neujahrstag Verwandte zu besuchen und gute Wünsche für das Neue Jahr zu überbringen. Darüber hinaus stand ihr Wohnhaus weit abgelegen vom Rest des Dorfes, durch ein Wäldchen von diesem getrennt, sodass auch das Beobachten des kleinen im Ort stattfindenden Feuerwerkes sich in dem Anblick des Lichtscheines zwischen den Bäumen erschöpfte. Als Kind hatte sie von den Silvesterbräuchen in anderen Familien nichts gewusst, als sie jedoch mit nicht ganz sechzehn Jahren begann, an den Wochenenden auszugehen, tat sich ihr eine andere Welt auf. In der Diskothek im Nachbarort, die glücklicherweise eine der beliebtesten im Umkreis von fünfzig Kilometern war, fand sich schnell eine Clique von gleichaltrigen Mädchen aus ihrem Wohnort zusammen, sodass die Wochenenden immer zu kurz wurden. Tanzen, ja das war es ! Der Discjockey machte seinen Job zwar nur nebenberuflich, hatte jedoch ein sagenhaftes Händchen für die richtige Musikauswahl, bei der keine Vorlieben zu kurz kamen, was wiederum für ein stets volles Lokal sorgte. Nur an diesem einen vertrackten Silvesterabend lief einiges schief, denn aufgrund der Tatsache, dass zwei große private Silvesterfeiern bei Leuten mit sturmfreier Bude stattfanden, war ihr Stammlokal nur mäßig besucht. Es war nicht ungemütlich, nein, das nicht, aber es wollte auch keine rechte Stimmung aufkommen. Die anderen Mädchen, mit denen sie sonst den größten Teil ihrer Freizeit verbrachte, hatte sich bei einer der anderen Feiern eingefunden; M. hätte jederzeit mitkommen können, wollte aber nicht, weil sie privaten Feiern etwas skeptisch gegenüberstand, vor allem dann, wenn für diese kistenweise Alkoholvorräte gehortet wurden. Sie trank gerne ein Glas eines guten Getränkes – das war es aber auch schon, denn sie wollte sich mit Leuten unterhalten und eine gute Zeit haben, was aber mit zunehmendem Alkoholpegel der Umgebung schwierig bis unmöglich wurde. Also war sie alleine in die Disco gefahren, hatte sich dort an die Bar gesetzt und sich ein wenig mit den Wirtsleuten und ein paar anderen Bekannten unterhalten, die aber später ebenfalls zu einer Party aufgebrochen waren. Sie musterte unauffällig die anderen Gäste, die um die große Bar herum saßen. Die meisten kannte sie nur vom Sehen; zwei Hocker weiter unterhielt sich eine schon beinahe erwachsen wirkende Frau mit einem jungen Mann. Sie überlegte kurz, ob sie den Beiden schon einmal begegnet war, konnte sich aber nicht an die Gesichter erinnern. Wahrscheinlich waren die Zwei während der Weihnachtsferien zu Besuch bei Verwandten und wollten jetzt zur Abwechslung unter Gleichaltrigen sein; so etwas kam öfter vor und sorgte manchmal für interessante Bekanntschaften und neue Impulse.
Der Zeiger der Uhr rückte unerbittlich gegen Mitternacht, aber nach wie vor hielt sich der Zustrom der Gäste in Grenzen. M. begann, vor sich hin zu grübeln, was sich jedoch bald als schwerer Fehler erwies, denn ihre Gedanken schweiften ab in die dunklen Gefilde unerfüllter Sehnsüchte, in denen sie sich einer Flutwelle von Gefühlen ausgesetzt sah, die sie nicht mehr in den Griff bekam, was dazu führte, dass sie, als die Uhr Mitternacht schlug, weinend an der Bar saß. Das fehlte gerade, und dann auch noch in ihrem Stammlokal ! Von lautem Schluchzen konnte zwar keine Rede sein, sondern sie weinte ihre Tränen still vor sich hin, fand sich selbst aber trotzdem arg daneben und bemühte sich, den Kopf einzuziehen und die anderen Gäste, die ohnehin mit Zuprosten beschäftigt waren, nicht merken zu lassen, wie es um sie stand.
Als sie plötzlich direkt neben sich eine männliche Stimme vernahm, die zweifellos an sie gerichtet war, erschrak sie, drehte sich um – und sah in zwei wunderschöne Augen, die sie einfühlsam musterten. Was die Stimme sagte, registrierte sie fürs erste überhaupt nicht, sie verstand nur, dass da jemanden ihr Gefühlszustand nicht kalt ließ und antwortete diffus und befangen. Überraschend schnell entwickelte sich ein angeregtes Gespräch, und bereits nach wenigen Minuten war die restliche Welt um die Beiden herum versunken. Sie unterhielten sich über Gott und die Welt und spürten dabei, dass sich eine Magie um sie herum aufbaute, die beide noch nie zuvor gekannt hatten. Es stellte sich heraus, dass der junge Mann aus einer benachbarten Ortschaft stammte, jedoch in einer etwas weiter entfernten Stadt eine Fachschule besuchte, weshalb er nur die Wochenenden in seinem Heimatort verbrachte. M. registrierte nur mehr am Rande, dass sich nach und nach wieder alle möglichen bekannten Gesichter einfanden, die nach Beendigung der Privatfeiern, welche nur mäßig unterhaltsam gewesen waren, hierherkamen, um Stimmung zu machen. Als gegen Morgen die Gäste weniger wurden, wollte C.’s Begleiterin, die seine ältere Schwester war, die Heimfahrt antreten. Man trennte sich schweren Herzens, jedoch mit dem Versprechen, einander am kommenden Wochenende hier wieder zu treffen, was dann auch unter bangem Herzklopfen und nach Tagen zaghafter Vorfreude, durchmischt von der Angst vor einer Enttäuschung, geschah. Daraus entwickelte sich eine wunderbare Liebesgeschichte. Von Montag bis Freitag wartete jeden Tag ein Brief auf M., in dem manchmal Alltäglichkeiten Platz fanden, meist jedoch die Seiten vor Liebe und Zärtlichkeit beinahe übergingen. Nicht in sexueller Hinsicht, o nein, dafür waren beide noch zu unsicher; das Pflänzchen „Liebe“ wollte wachsen und gedeihen, ohne Zeitdruck und ohne Zwänge. Die Briefe wurden natürlich umgehend beantwortet, ebenso atemlos und zärtlich. Als die beiden jungen Leute eines Tages in der Diskothek, die mittlerweile auch sein Stammlokal geworden war, einander innigst küssten, meinte einer der bereits erwachsenen Gäste halb im Ernst, halb im Spaß, dass es wohl besser wäre, die Beiden würden „miteinander ins Bett gehen“. M. und C. vermieden es, einander in die Augen zu sehen, und wussten doch beide, dass er auf seine etwas derbe Art wohl recht hatte. An einem warmen, regnerischen Frühlingsabend ließen sie zu ersten Mal ihrer beider Liebe rückhaltlos freien Lauf. Die ganze Zärtlichkeit der vergangenen Monate entlud sich, während der Duft von feuchter Erde und bunten Sommerblumen den Raum durchzog, und mit leiser Melancholie sang Rod Stewart „The first Cut is the deepest“.
Dieser wundervolle Abend lag nun bereits einige Wochen zurück. M. hielt den Brief in ihren noch immer zitternden Händen und hätte die Welt umarmen können. Es war gut, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass seine Briefe bald zurückhaltender wurden und dass er ihr an einem Samstag zu Beginn der Sommerferien äußerlich kühl mitteilte, er müsse „Schluss machen“, weil seine Eltern diese Liebe nicht tolerieren würden.
walküre - am Freitag, 20. April 2007, 22:35 - Rubrik: Geschichten