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Aus dem Fenster im zweiten Stock des alten Hauses, in dem sich ihre Dienstwohnung befand, beobachtete die junge Frau den Parkplatz an der Straße, die hinter dem malerischen Bauwerk vorbeiführte. Wie sie es hasste, darauf zu warten, dass ihr Freund mit ihrem Wagen, den er sich ausgeliehen hatte, in die Straße und in weiterer Folge in den Parkplatz einbog ! In letzter Zeit hatte sie zusehends öfter feststellen müssen, dass auf ihn kein Verlass mehr war; er hielt Verabredungen nur mehr spürbar ungern ein und vermied es, mit ihr alleine auszugehen. Die jungen Leute hatten sich zusammen für die ausgeschriebenen Stellen in dem gut frequentierten Restaurant und Tanzlokal in einem weit entfernten Bundesland beworben und waren auch beide aufgrund ihrer Referenzen und ihres Auftretens aufgenommen worden. Kennengelernt hatten sie einander, kurz nachdem die junge Frau ihre Matura abgelegt hatte, gegenseitige Sympathie und auch eine gewisse Anziehung waren vorhanden, wenngleich von der großen Liebe keine Rede sein konnte. Es handelte sich mehr um eine Partnerschaft, in der beide ein wenig Geborgenheit fanden, Ruhe und gegenseitige Zuwendung. Die junge Frau entsprach zwar nicht den gängigen Schönheitsidealen, war aber auf ihre Weise attraktiv und hatte vor allem einen messerscharfen Verstand, der, gepaart mit fallweise beißender Ironie, viele der gleichaltrigen Männer abschreckte, sodass sie sich zusehends öfter fragte, ob ihre Art nicht tatsächlich so unmöglich war, wie es den Anschein hatte. Er hatte sich jedenfalls nicht abschrecken lassen, was alleine schon ihrem angeschlagenen Selbstwertgefühl gut tat. In dem Haus, in dem die Beiden ihre Dienstwohnungen hatten (es gab aus Platzgründen nur Einzelzimmer, deshalb bewohnten sie getrennte Räume) lebten auschließlich Angestellte des Lokales, sodass ein reges Kommen und Gehen herrschte. Ihr Freund blieb jedoch nach wie vor aus. Sie zog ihre Arbeitskleidung an, kontrollierte noch einmal den Inhalt ihrer Kellnergeldbörse, versperrte dann ihr Zimmer und machte sich auf den Weg ins Erdgeschoß, um ihre Kollegin, die Frühschicht gehabt hatte, abzulösen. Viel war an diesem sonnigen Frühlingstag nicht los, was ihr aber heute nur gelegen kam, denn sie hatte genug damit zu tun, ihre Nervosität zu verbergen, die im Spannungsfeld aus Wut, Angst (es könnte ja auch ein Unfall geschehen sein) und Enttäuschung entstand. War er ihr Rechenschaft schuldig ? Er hatte heute einen freien Tag und hatte sich den Wagen ausgeborgt, um einige Erledigungen zu tätigen; wahrscheinlich war er aufgehalten worden oder hatte einfach nur die Zeit übersehen. Sie versuchte, sich selber zu beruhigen, was ihr aber nur unzureichend gelang. Als er plötzlich lächelnd und selbstbewusst durch die Vordertür das Lokal betrat, in dem sie Dienst tat, hätte sie ihn am liebsten geohrfeigt. Sie spürte, dass etwas nicht stimmte, konnte aber nicht benennen, was sie so sehr irritierte. Es war kein fremder Geruch an ihm, keine Lippenstiftspur am Hemd, überhaupt nichts, was optisch oder olfaktorisch erkennbar gewesen wäre. Und dennoch lag etwas in seiner Ausstrahlung, was ihr mehr Gewissheit gab als jeder andere greifbare Beweis, sodass ihr schlagartig klar wurde, dass sein lässig-entspanntes Auftreten nicht ihr galt, sondern seinen Ursprung bei einer anderen Frau hatte. Als er sie fragte, ob er sich den Wagen noch einmal kurz leihen könnte, weil er noch einen Weg hätte, bejahte sie, obwohl sie sich im nächsten Moment in die Zunge hätte beißen mögen.

Zwei Tage später rutschte einem Arbeitskollegen eine Bemerkung heraus, die keinen Zweifel daran ließ, dass ihr Freund ihr Vertrauen missbraucht hatte, wobei sich gleichzeitig herausstellte, dass er an ihrem vorigen gemeinsamen Arbeitsplatz eine andere Frau kennengelernt hatte, die nicht allzuweit von der jetzigen Arbeitsstelle entfernt lebte. Die Beiden hatten das, was man als „Verhältnis“ bezeichnet, obwohl „Unverhältnis“ der treffendere Ausdruck wäre. Wie überhaupt die Vorsilbe „ver-„ im Allgemeinen nichts Gutes bedeutet – verloren, verlaufen, verunglückt, vertrieben, verleumdet, vergiftet; nur „verliebt“ ist einer der wenigen positiv belegten Begriffe, und sogar das vielfach zu Unrecht. Vertraut (Schon wieder eines dieser „ver“ – Wörter !) hatte sie ihm – war das denn ein Fehler ? Sollte sie umdenken und grundsätzlich jedem Menschen misstrauen ? Nein, das entsprach weder ihrer Sicht der Welt noch ihrem Naturell. Lieber riskieren, einmal mehr auf die Nase zu fallen, statt jemanden, der sie ehrlich mochte, ruppig mit ungerechtfertigten Unterstellungen vor den Kopf zu stoßen, dachte sie.

Als sie ihn mit dem Wissen über seine Affäre konfrontierte, machte er nicht einmal den Versuch, das Geschehene zu leugnen. Noch am selben Tag beendete sie die Partnerschaft, die schon länger, als sie geahnt hatte, keine mehr gewesen war.
 

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