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zwischen Pubertät und Altersstarrsinn

 
Lange habe ich überlegt, ob es vertretbar sei, offen über jenes Mysterium zu schreiben, welches mich seit meiner Jugend umgibt, doch die vage Hoffnung, es könnte sich vielleicht jemand finden, der über ähnliche Erfahrungen verfügt, wie ich es tue, bewegt mich dazu, dieses düstere Geheimnis der Welt anzuvertrauen.

Seinen Anfang nahm das Verhängnis, als ich ungefähr zehn Jahre alt war; damals entdeckte ich nämlich meine Zuneigung zu Pfefferminzzuckerln, worunter im konkreten Fall jene von der Firma Manner hergestellte und in blauweißer Folie rollenförmig verpackte Nascherei zu verstehen ist, die zu Anfang der 70er-Jahre in Österreich feilgeboten wurde. Die Zuckerl waren von fondantartiger Konsistenz, außen etwas fester und innen weich, und schmeckten angenehm scharf. Eine in Schokolade gehüllte Variation dieser Köstlichkeit gab es ebenfalls zu kaufen, von mir wurde die puristische Ausgabe bevorzugt, allerdings nicht lange, denn ehe ich michs versah, verschwanden die Rollen mit den weißen, runden Pfefferminzzuckerln auf Nimmerwiedersehen aus allen Supermarktregalen. Ich konnte nicht ahnen, dass dies erst der Anfang war.

Ungefähr vier oder fünf Jahre später begann ich, mich im Zuge meines Teenagerdaseins intensiv für diverse Kosmetika zu interessieren; diese Begeisterung legte sich angesichts der absolut taschengeldunverträglichen Preise in der einzigen Parfumerie der Bezirkshauptstadt, in welcher ich die Schule besuchte, relativ schnell wieder. Hilfe kam per Post: Yves Rocher startete seinen Feldzug zur Eroberung des österreichischen Marktes, welcher dann auch nicht zuletzt aufgrund meiner tatkräftigen Hilfe siegreich verlief. Nach all den olfaktorisch eher derben, seifigen Produkten meiner Kindheit begeisterte mich die französische Art der Körperpflege außerordentlich, zumal ich auch so manche Düfte wiedererkannte, die mir durch das eine oder andere Mitbringsel des französischen Zweiges meiner Familie bereits vertraut waren. Ich hatte als Kind die üblichen scharfen Zahncremen nie leiden können, deren Nachgeschmack noch Stunden später mühelos ein Gulasch übertönen konnte, und war angetan von einer Apfelzahnpasta namens „Pomme d’Api“, die mild und fruchtig schmeckte und so gar nichts von den verqueren Aromen der handelsüblichen Produkte an sich hatte. Wenig später verschwand sie aus der Produktpalette, und zwar genauso spurlos wie eine bis dahin nicht gekannte Herrlichkeit, die sich – wenn ich mich recht erinnere – „Eau fraiche“ nannte und welche nur im Sommer erhältlich war. Es gab sie in drei Duftnoten: zitronig, lieblich-blumig sowie in einer frischen, „grünen“ Variante, abgefüllt jeweils in einen farblich passenden zylindrischen, glatten Flacon, der nach oben hin mit gerilltem Glas abgerundet war. Mein Favorit war der frische Duft, an den ich mich heute noch erinnern kann und der zu mir passte, als wäre er speziell für mich entworfen worden. Dieses Produkt hielt sich zu meinem Leidwesen maximal zwei Saisonen lang.

Einige Jahre darauf arbeitete ich in einer Landeshauptstadt im Westen Österreichs. In der Nähe meiner Firma befand sich eine sympathische Boutique, die eine Modemarke namens „Cartoon“ führte, von der ich nie zuvor gehört hatte, deren Linie jedoch exakt meinem damaligen Stil entsprach. Dort erstand ich traumhafte Pullover und eine Seidenbluse, die nach vielen Jahren bei einem Bummel das Zeitliche segnete, weil ein Passant der Meinung war, im Gedränge unbedingt seiner Nikotinsucht frönen zu müssen. Sein Glück war, dass ich dieses Malheur erst zuhause entdeckte, andernfalls wäre ein Mord im Affekt in greifbare Nähe gerückt, denn diese Bluse war nicht nur eine Bluse, sondern eines jener Kleidungsstücke, die man rettet, wenn in der Wohnung ein Brand ausbricht (Männer müssen das jetzt nicht verstehen, Frauen wissen, was ich meine). Die Boutique war jedenfalls dem Untergang geweiht, sobald ich mich für ihre Produkte zu interessieren begann, denn einige Monate später schloss sie ihre Pforten.

Ich stellte fest, dass sich meine unheilvolle Wirkung auch auf Lokale in diversen Bundesländern zu erstrecken begann. Wenn ich mich für ein Restaurant begeisterte, konnte ich sicher sein, dieses ein halbes Jahr später nicht mehr in der zuvor gekannten Form vorzufinden. Eine Handvoll Gastronomiebetriebe hat dennoch meine Besuche bis heute überlebt, wofür ich sehr dankbar bin, denn mitunter schätze ich nicht nur Abwechslung, sondern auch vertraute Stammlokale.

Kennt jemand die Duftkerzen mit Grünem Tee und Minze aus dem Sortiment von L’Occitane ? Ein absolut traumhafter, frischer Duft, der sogar eine Opiumhöhle olfaktorisch sozusagen umdrehen könnte, wunderbar anzuwenden nach geselligen Abenden und intensiver Küchenbewirtschaftung ! Nein, ich mache für diese Kerzen sicher keine Werbung, die sind nämlich seit einigen Wochen ausgelistet. Q.e.d.

Vor zirka zwei Jahren entdeckte ich in Filialen diverser Supermarktketten in den Kaffeeregalen Sirup in verschiedenen Geschmacksrichtungen. Neugierig, wie ich nun einmal bin, probierte ich diese Neuheit nicht nur zum Kaffee, sondern auch für alle möglichen Dessertkreationen – und war begeistert. Ich freute mich, sogar in kleinen Supermärkten auf dem Land drei oder vier Sorten dieser Spezialität vorzufinden, was durchaus auf eine gewisse, für mancherlei Lernprozesse nur schwer zugängliche Naivität meinerseits schließen lässt. Ich hätte es wissen müssen: Nach und nach verschwanden all die reizenden Fläschchen mit den köstlichen Aromen aus den Regalen. Wenigstens aus dieser Misere habe ich mittlerweile dank Rolling Beans einen Ausweg gefunden, was dennoch bleibt, ist ein leiser Selbstzweifel: Ist die Welt noch nicht reif für meinen Geschmack ? Bin ich nicht reif für diese Welt ? Oder ist das Gegenteil der Fall, und mein Vorlieben passten besser ins vorletzte Jahrhundert ?

Möglicherweise sollte ich ja angesichts meines Gespürs für nicht breitenwirksam Verkäufliches in Erwägung ziehen, mich als Warentesterin zu profilieren – sagt mir ein neues Produkt sehr zu, sollte man es besser nicht auf den Markt bringen. Ich sehe mich schon den erwartungsvollen Blicken diverser Fachleute ausgesetzt, während ich versuche, von einer Neuheit einen Eindruck zu gewinnen. Sobald ich bereit bin, mein Urteil abzugeben, herrscht atemlose Stille im Raum. Ein erleichtertes Aufatmen geht durch die Reihen, wenn ich ein Produkt als uninteressant und mittelmäßig einstufe, die Produktentwickler schütteln einander die Hände und hie und da ist unterdrückter Jubel zu vernehmen. Wenn mich im Gegensatz dazu ein neu auf den Markt zu bringender Artikel begeistert, geschieht es nicht selten, dass ein Gast abends in einer Bar angesichts eines volltrunkenen und haltlos weinenden Produktentwicklers sich beim Barkeeper nach der Ursache dieses Elends erkundigt. Der Ahnungslose erfährt dann von einem flüsternden Barman die schrecklichste aller Wahrheiten: „Walküre war hingerissen von seiner Kreation !“
tilak meinte am 3. Mai, 09:11:
@walküre
genial geschrieben, einfach genial, ich habe die Tränen noch in den Augen !
Und: nein, leider, solche Erfahrungen kann ich nicht anbieten :) 
teacher meinte am 3. Mai, 16:50:
Eine Bitte:
Könntest du eine Liste jener Produkte , die du momentan besonders magst, hierher stellen.
Damit ich weiß, was ich morgen hamstern muss.
Danke 
cheridwen meinte am 3. Mai, 17:59:
*g* Toll geschrieben!

P.S.: Ach ja, könntest du bitte von Lindt-Schokolade weg bleiben *g* 
pipistrella meinte am 3. Mai, 22:34:
könntest du nicht anfangen, dich für mcdonalds, aldi, lidl, microsoft und ähnliches zu interessieren? wer weiss, wie lange die danach noch bestehen? ;-) 
walküre meinte am 6. Mai, 15:21:
Erst mal danke für die Komplimente !
Tilak, es ist schade, dass Du in diesem Fall nicht "aus dem Nähkästchen" plaudern kannst, ich hatte mich schon auf irgendwelche Frivolitäten eingestellt ... :-)
Herr Lehrer, ich habe in einer ruhigen Minute meine derzeitigen Einkaufsgewohnheiten Revue passieren lassen und musste dabei feststellen, dass sich derzeit nichts Spezielles finden lässt, was diesbezüglich verdächtig sein könnte. Wenn ich allerdings recht überlege, bevorzuge ich momentan asiatische Gewürzpasten der Marke "Asian Home Gourmet" sowie Sambal Asli und gelegentlich Grüne Erbsen mit Wasabihülle (hab ich sogar schon beim Billa gesehen), und das wiederum wirft die Frage auf, wie lange die Asiaten meines Vertrauens noch durchhalten !
Liebe Cheridwen, leider sehe ich mich als überzeugter Schokoholic außerstande, Deiner Bitte nachzukommen, allerdings beschränke ich mich meist auf die Sorten "Karamel" sowie die beiden hierzulande erhältlichen Arten von "Lindor" in roter bzw. blauer Packung. Genügt das ?
Pipistrella, ich fürchte, es würde nichts nützen, meine Kräfte :-) gegen Diskonter zu richten, was aber völlig logisch scheint, da die dortigen Produktpaletten keine Besonderheiten aufweisen. Vielmehr versuche ich, durch bewusstes Fernbleiben diesen Filialketten Umsatz vorzuenthalten, was aber angesichts der vielen Kunden bestenfalls ein Tropfen auf dem heißen Stein sein dürfte. Microsoft widersteht meinen Attacken leider schon seit Windows 98, sodass ich auch für die Zukunft wenig Hoffnung habe !
Übrigens hab ich vorgestern schon die nächste Niederlage einstecken müssen, indem ich draufgekommen bin, dass ein Drogeriemarkt wieder einmal alle Produkte eines Zahncremeherstellers aus dem Sortiment gestrichen hat, der für meine Begriffe interessante Produkte anzubieten hatte - zum Beispiel die Geschmackrichtungen "Veilchen/Rose", "Orange" und "Apfel". Experimentierfreudigkeit scheint den mitteleuropäischen Konsumenten eher fremd zu sein, denke ich manchmal leicht verbittert. 
cheridwen antwortete am 7. Mai, 13:35:
*heul* - die roten Lindor sind mir am liebsten! 
walküre antwortete am 7. Mai, 15:53:
Ich bevorzuge die Tafeln, Du hoffentlich die Kugerln ??? 
cheridwen antwortete am 7. Mai, 16:19:
Oh ja! Das lässt hoffen! 
 

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