Das kleine blonde Mädchen spielte selbstvergessen im Sandkasten, über den ein hoher, sonnenbeschienener Jasminstrauch seine blütenübersäten Äste streckte. Der schöne große Hund lag daneben und beobachtete aus klugen Augen jede Bewegung des Kindes, aufmerksam und dennoch ruhig, während die Mutter der Kleinen einen großen Korb Wäsche ins Haus trug. Arbeit gab es mehr als genug, soviel, dass die Frau oft am Rande der Erschöpfung war. Seit das Kind den Kindergarten besuchte, war zwar manches ein wenig leichter geworden, aber dennoch fand sie kaum Zeit, ihre Gedanken zu ordnen. Ab und zu schrieb sie an einer Art Tagebuch, das sie auf dem Computer angelegt hatte, den ihr Lebensgefährte gekauft hatte, damit ein wenig Abwechslung in den Alltag käme. Sie war noch immer nicht sicher, ob sie eine richtige Entscheidung getroffen hatte, als sie zuließ, dass aus ihrer Freundschaft mehr wurde. Einerseits hatte er sich als zuverlässiger Freund erwiesen, als sich herausstellte, dass ihre Ehe unrettbar verloren war; er versuchte sogar noch zwischen ihr und ihrem Ehemann, seinem Arbeitskollegen, zu vermitteln, was aber nicht gelang, weil schon zuviel Porzellan zerbrochen war und sie nicht mehr in der Lage war, jenem Menschen, mit dem sie einmal das ganze Leben verbringen wollte, zu vertrauen. Sie war tief gesunken in den Jahren vor der Scheidung, das heißt: eigentlich war er tief gesunken, aber für sie stellte es keinen Unterschied dar, ob der Gerichtsvollzieher zu ihm oder zu ihr kam, um festzustellen, dass es ohnehin nichts zu holen gab. Wie groß waren die Hoffnungen gewesen, die sie in den Umzug in ihr heimatliches Bundesland gesetzt hatte ! Sie hatte geglaubt, ihr Ehemann würde sich charakterlich wieder stabilisieren, wenn er in einiger Entfernung zu seiner Familie und zu seinen großteils falschen Freunden lebte. Wie enttäuscht war sie, als sie erkannte, dass er in Wirklichkeit zu jenen Menschen zählte, die fragwürdige Charaktere anziehen wie das Licht die Motten ! Vor dem Umzug hatten sie Pläne geschmiedet, die dahin gingen, Kinder zu bekommen und sich eine lebenswerte Existenz aufzubauen, in der Liebe, Familie und Freundschaft einen hohen Stellenwert einnahmen, doch die Frau wurde wider Erwarten nicht schwanger. Sie führte diese Tatsache auf den Umzugsstress zurück und darauf, dass sich zeigte, dass das Haus in einem bedeutend weniger bewohnbaren Zustand war, als man zuerst annehmen konnte, was sie bedrückte und auf Kosten der Lebensfreude ging.
Das Leben auf der Dauerbaustelle kostete sie Substanz. Sie nahm dennoch all ihren Mut zusammen und versuchte jeden Tag aufs Neue, sich zu motivieren. Es gelang ihr nicht immer, sie laborierte an schweren Magenschmerzen, die sich anfühlten, als habe sie Messer geschluckt. Der Hausarzt, ein erfahrener Mediziner, der sie schon seit ihrer Kindheit kannte, verschrieb ihr Medikamente gegen die entsetzlichen Schmerzen. Er musterte sie nachdenklich und meinte dann, er könne ihr zwar Medikamente verabreichen, an ihren Lebensumständen etwas zu ändern, läge jedoch nicht in seiner Macht. Zu den Magenproblemen gesellte sich eine Nierenbeckenentzündung, so schmerzhaft, dass sie weder sitzen noch liegen konnte, und sogar das Gehen verursachte ihr Schmerzen.
Kurze Zeit später, als ihr unmittelbar, nachdem sie nachmittags Kaffee getrunken hatte, übel wurde, erkannte sie, dass sie wider Erwarten schwanger war. Nach dem ersten Schrecken begann sie, sich unbändig auf ihr Kind zu freuen. Der Mann war weniger begeistert; er schien diesbezüglich keinerlei Erwartungen mehr gehegt zu haben und wusste nicht, wie er mit der neuen Situation umgehen sollte. Während der Schwangerschaft war er noch seltener zu Hause als sonst, ja, er ließ sich sogar beruflich für einige Wochen in ein anderes Bundesland versetzen. Daheim wartete seine schwangere Frau auf ein Lebenszeichen, welches jedoch meist ausblieb. Während dieser Zeit hatten sich ihr jetziger Lebensgefährte, der damals noch mit einer anderen Frau zusammen gewesen war, rührend um sie gekümmert. Er und seine Freundin schauten öfter vorbei, obwohl beide nicht in der Nähe wohnten, und sie verstand sich mit beiden gut. Als dann in einer nebligen Herbstnacht das kleine Mädchen zur Welt kam, gehörte er zu den ersten Menschen, die die Kleine sahen. Die Frau war oft müde – noch mehr als die Anstrengung, bei Tag und bei Nacht für das Baby da sein zu müssen, strapazierte sie die immer schwieriger werdende Beziehung zu ihrem Ehemann, der nun aus seinen Affären keinen Hehl mehr machte, obwohl er sie nach wie vor nicht offen eingestand. Seine Kleidung roch nach fremdem, billigem Parfum, er kam kaum mehr vor Mitternacht nach Hause und gab mit vollen Händen sein ohnehin nicht hohes Einkommen aus, Geld, das der Frau an allen Ecken und Enden fehlte. Eines Tages nahm sie all ihren Mut zusammen und erklärte ihm, sie wolle sich scheiden lassen; er drehte sich nicht einmal um und nahm ihre Worte mit versteinertem Gesichtsausdruck hin. Nach der Trennung zeigte er nur wenig Interesse an einem weiteren Kontakt zu seiner Tochter, sodass er sie in ihren ersten drei Lebensjahren höchstens drei oder vier Mal gesehen hatte.
Um die Zeit ihrer Scheidung herum war auch die Partnerschaft des Freundes ins Trudeln geraten und hatte mit verletzender Untreue geendet. Es ergab sich, dass die beiden Enttäuschten einander trösteten und Sicherheit gaben; ob diese Basis jedoch genügend Fundament für eine dauerhafte Beziehung darstellte, sollte die Zeit zeigen. Zuverlässig war er, wenngleich auch manchmal eine Spur zu sparsam, sodass das Haushalten nicht immer leicht fiel, und so suchte sie bald einen Nebenjob, dem sie im Rahmen ihrer zeitlichen Möglichkeiten nachgehen konnte. Als sehr schwierig stellte sich die Betreuung des kleinen Mädchens heraus, denn Kinderkrippen gab es keine in der Umgebung, und die Eltern der Frau waren mit dem kleinen Mädchen überfordert, sobald sie länger als zwei Stunden bei Ihnen war. Die Eltern ihres Freundes lebten zu weit entfernt, als dass sie ihr in dieser Beziehung hilfreich zur Seite stehen hätten stehen, obwohl sie dazu gerne bereit gewesen wären, weil sie die Frau mit ihrer ruhigen Art sehr schätzten. Irgendwie schaffte sie dennoch den Spagat zwischen Kind, Beruf und Haushalt, und lebte auf diese Weise leidlich zufrieden dahin.
Manchmal aber haderte die Frau mit ihrem Leben, mit ihren Träumen und Erwartungen, und schimpfte sich dann in Gedanken selber aus, weil ihr das, was sie sich wünschte und ersehnte, oft genug zu kühn und unrealistisch erschien. Sei froh, dass du ein gesundes Kind und einen netten Partner hast, sagte sie um ein solches Mal zu sich selbst, alles andere sind Flausen, die in einem Hollywoodfilm Platz haben, nicht aber im wirklichen Leben. Die unbestimmte Traurigkeit, die ihr das Herz schwer machte und den Hals zuschnürte, ignorierte sie geflissentlich.
Das Leben auf der Dauerbaustelle kostete sie Substanz. Sie nahm dennoch all ihren Mut zusammen und versuchte jeden Tag aufs Neue, sich zu motivieren. Es gelang ihr nicht immer, sie laborierte an schweren Magenschmerzen, die sich anfühlten, als habe sie Messer geschluckt. Der Hausarzt, ein erfahrener Mediziner, der sie schon seit ihrer Kindheit kannte, verschrieb ihr Medikamente gegen die entsetzlichen Schmerzen. Er musterte sie nachdenklich und meinte dann, er könne ihr zwar Medikamente verabreichen, an ihren Lebensumständen etwas zu ändern, läge jedoch nicht in seiner Macht. Zu den Magenproblemen gesellte sich eine Nierenbeckenentzündung, so schmerzhaft, dass sie weder sitzen noch liegen konnte, und sogar das Gehen verursachte ihr Schmerzen.
Kurze Zeit später, als ihr unmittelbar, nachdem sie nachmittags Kaffee getrunken hatte, übel wurde, erkannte sie, dass sie wider Erwarten schwanger war. Nach dem ersten Schrecken begann sie, sich unbändig auf ihr Kind zu freuen. Der Mann war weniger begeistert; er schien diesbezüglich keinerlei Erwartungen mehr gehegt zu haben und wusste nicht, wie er mit der neuen Situation umgehen sollte. Während der Schwangerschaft war er noch seltener zu Hause als sonst, ja, er ließ sich sogar beruflich für einige Wochen in ein anderes Bundesland versetzen. Daheim wartete seine schwangere Frau auf ein Lebenszeichen, welches jedoch meist ausblieb. Während dieser Zeit hatten sich ihr jetziger Lebensgefährte, der damals noch mit einer anderen Frau zusammen gewesen war, rührend um sie gekümmert. Er und seine Freundin schauten öfter vorbei, obwohl beide nicht in der Nähe wohnten, und sie verstand sich mit beiden gut. Als dann in einer nebligen Herbstnacht das kleine Mädchen zur Welt kam, gehörte er zu den ersten Menschen, die die Kleine sahen. Die Frau war oft müde – noch mehr als die Anstrengung, bei Tag und bei Nacht für das Baby da sein zu müssen, strapazierte sie die immer schwieriger werdende Beziehung zu ihrem Ehemann, der nun aus seinen Affären keinen Hehl mehr machte, obwohl er sie nach wie vor nicht offen eingestand. Seine Kleidung roch nach fremdem, billigem Parfum, er kam kaum mehr vor Mitternacht nach Hause und gab mit vollen Händen sein ohnehin nicht hohes Einkommen aus, Geld, das der Frau an allen Ecken und Enden fehlte. Eines Tages nahm sie all ihren Mut zusammen und erklärte ihm, sie wolle sich scheiden lassen; er drehte sich nicht einmal um und nahm ihre Worte mit versteinertem Gesichtsausdruck hin. Nach der Trennung zeigte er nur wenig Interesse an einem weiteren Kontakt zu seiner Tochter, sodass er sie in ihren ersten drei Lebensjahren höchstens drei oder vier Mal gesehen hatte.
Um die Zeit ihrer Scheidung herum war auch die Partnerschaft des Freundes ins Trudeln geraten und hatte mit verletzender Untreue geendet. Es ergab sich, dass die beiden Enttäuschten einander trösteten und Sicherheit gaben; ob diese Basis jedoch genügend Fundament für eine dauerhafte Beziehung darstellte, sollte die Zeit zeigen. Zuverlässig war er, wenngleich auch manchmal eine Spur zu sparsam, sodass das Haushalten nicht immer leicht fiel, und so suchte sie bald einen Nebenjob, dem sie im Rahmen ihrer zeitlichen Möglichkeiten nachgehen konnte. Als sehr schwierig stellte sich die Betreuung des kleinen Mädchens heraus, denn Kinderkrippen gab es keine in der Umgebung, und die Eltern der Frau waren mit dem kleinen Mädchen überfordert, sobald sie länger als zwei Stunden bei Ihnen war. Die Eltern ihres Freundes lebten zu weit entfernt, als dass sie ihr in dieser Beziehung hilfreich zur Seite stehen hätten stehen, obwohl sie dazu gerne bereit gewesen wären, weil sie die Frau mit ihrer ruhigen Art sehr schätzten. Irgendwie schaffte sie dennoch den Spagat zwischen Kind, Beruf und Haushalt, und lebte auf diese Weise leidlich zufrieden dahin.
Manchmal aber haderte die Frau mit ihrem Leben, mit ihren Träumen und Erwartungen, und schimpfte sich dann in Gedanken selber aus, weil ihr das, was sie sich wünschte und ersehnte, oft genug zu kühn und unrealistisch erschien. Sei froh, dass du ein gesundes Kind und einen netten Partner hast, sagte sie um ein solches Mal zu sich selbst, alles andere sind Flausen, die in einem Hollywoodfilm Platz haben, nicht aber im wirklichen Leben. Die unbestimmte Traurigkeit, die ihr das Herz schwer machte und den Hals zuschnürte, ignorierte sie geflissentlich.
walküre - am Sonntag, 6. Mai 2007, 16:53 - Rubrik: Geschichten