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In meiner Kindheit in den 60er-Jahren (jaja, des vergangenen Jahrhunderts) war eine der Fähigkeiten, die eine perfekte Hausfrau und Mutter auszeichnete, der geschickte Umgang mit Strick- und Häkelnadeln sowie dazugehöriger Wolle. Von den Wollsocken für den Herrn des Hauses über Kinderpullover bis zum Deckchen für den Fernseher, der im Unterschied zu seinen menschlichen Co-Opfern wenigstens in Ermangelung eines Tastsinnes das kratzige Wollungetüm nicht spürte, reichte die Palette der produzierten Scheußlichkeiten. Natürlich wurden auch im Zuge des Handarbeitsunterrichts sämtliche Volksschülerinnen darauf dressiert, unter größerem Materialaufwand strickend und häkelnd Werkstücke zu produzieren, die vermutlich zumeist nach Besichtigung durch die Handarbeitslehrerin (betulich, hausbacken und von mittelmäßiger Intelligenz) entweder den direkten Weg zu den häuslichen Putzlumpen nahmen oder aufgrund von Anwandlungen mütterlicher Sentimentalität in einer entlegenen Ecke eines Schrankes verstaubten. Am Gymnasium bestand die neue Handarbeitslehrerin (betulich, hausbacken und von mittelmäßiger Intelligenz) zwar nicht mehr ausschließlich auf Stricken und Häkeln, aber Sticken und Nähen stellten sich auch nicht als die Erfüllung meiner kreativen Träume heraus, zumal die Musterhefte und Schnittvorlagen sich auf einem fünf bis zehn Jahre zurückversetzten modischen Niveau befanden. Natürlich mussten nur die Mädchen diese Fron auf sich nehmen – die Buben durften im Werkunterricht Vogelhäuschen, Laubsägearbeiten und ähnliche brauchbare Dinge herstellen.

Nach der letzten Handarbeitsstunde meiner Schulzeit atmete ich tief durch und schwor mir, meine weiblichen Nachkommen nie dem Frust des drögen Handarbeitsunterrichtes auszusetzen.

Im Kindergarten und während der Volksschulzeit meiner Tochter wurden alle Kinder gemeinsam zum Basteln und Werken angeleitet, wobei durchaus hübsche Arbeiten entstanden, und Stricken, Häkeln und Co. waren kein Thema. Dies würde sich auch am Gymnasium nicht ändern, denn für die Kinder war die Wahlmöglichkeit zwischen „Textilem Werken“ und „Technischem Werken“ vorgesehen, und zwar unabhängig vom Geschlecht. Keine Frage, dass ich meine Tochter triumphierend zum „Technischen Werken“ anmeldete. Was mindestens 90% aller Eltern der Mitschüler/innen meiner Tochter ebenfalls taten, sodass im Endeffekt die Klasse wieder zwangseingeteilt wurde, nämlich die Mädchen zum Textilen Werken und die Buben – welch Überraschung ! – zum Technischen. Als ich am ersten Elternabend der Handarbeitslehrerin (betulich, hausbacken und von mittelmäßiger Intelligenz) ansichtig wurde, machte ich für den Bruchteil einer Sekunde die Erfahrung der Gefühlswelt eines in einer Zeitschleife gefangenen Menschen. Es kam jedoch noch besser: Wurde zu meiner Schulzeit den Eltern noch rechtzeitig und ziemlich detailliert mitgeteilt, was auf dem Programm stand und welche Materialien dafür benötigt wurden, so scheint es in Handarbeitslehrerinnenkreisen heutzutage üblich zu sein, eher freischwebend und kurzentschlossen zu disponieren. Dies soll wahrscheinlich Kreativität suggerieren, erzielt jedoch den Effekt, dass man, wenn man am wenigsten damit rechnet, eine Rundreise durch die nächstgelegene Stadt unternehmen muss, um allerlei exzentrische Materialien zu organisieren. Spezielle Kartons, Wolle mit nicht definierter Farbe und unbestimmtem Verwendungszweck, ein weißes Baumwollleintuch (kein Spannleintuch), bei dem sich im Nachhinein herausstellte, dass es nur zum Zerschneiden angeschafft wurde (weißer Stoff per Laufmeter wäre, wie mir scheint, sinnvoller gewesen) und ähnliches wurden unter anderem eingefordert, und zwar à la minute. Ich denke, dass im Lehrplan auch für Handarbeiten bestimmte Vorgaben festgelegt sind und frage mich, weshalb es nicht möglich zu sein scheint, zu Anfang des Semesters eine Liste mit den vorgesehenen Werkstücken und den zu deren Herstellung benötigten Materialien auszugeben, welche einige Wege und ein paar Stunden hilflosen Umherirrens in diversen Geschäften einsparen würde.

Der einfachste Weg, nämlich für eine Schulklasse Materialien einzukaufen und danach von den Eltern einen entsprechenden anteiligen Geldbetrag einzuheben, ist Lehrkräften nicht mehr möglich, sobald sich Eltern querstellen – was leider in der Klasse meiner Tochter der Fall ist. Überflüssigerweise, sage ich. Doch das ist wiederum eine andere Geschichte.
cheridwen meinte am 19. Jun, 00:40:
Mittleriweile bin ich gar nicht mehr so sicher, ob die wirklich einen Lehrplan für Textiles Werken haben. 2 Töchter, 2 Lehrerinnen und so gut wie keine gleichen Handarbeitsprojekte in der jeweiligen Schulstufe. Während Tochter Nr. 2 eindeutig die "lässigeren" Sachen machen darf und die Lehrerin manchmal das Material organisiert, meint die Lehrerin von Tochter Nr. 1, die Eltern hätten nichts besseres zu tun, als weiß Gott wohin zu fahren, um diverse Stoffe und Nähzubehör, Wolle und was weiß ich noch alles besser gestern als morgen zu kaufen. Berufstätigkeit lässt sie nicht gelten und meint, die Kinder wären ja schon alt genug, das selbst zu erledigen. Ha, ha. 
 

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