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Die gute Nachricht zuerst: Die Tochter hat ein sehr erfreuliches Zeugnis nach Hause gebracht, was ihr den lange ersehnten iPod eingetragen hat. Einen in blitzblau-türkis-metallic (oder wie auch immer man die Farbe nennen will) mit einer Speicherkapazität, von der Technikfreaks noch vor 20 Jahren nur geträumt haben. Wobei wir auch schon bei der eher unerfreulichen Komponente angelangt wären, nämlich der Tatsache, dass mir angesichts des niedlichen Kästchens, welches dünner als eine Zigarettendose ist, ein paar Erinnerungen durch den Kopf gehen, die mich im wahrsten Sinne des Wortes alt aussehen lassen. Wer also jetzt denkt: "Pah, schon wieder die alte Leier von der Midlifecrisis !", darf sich gerne hier ausklinken, ohne etwas zu versäumen. Die zwei Leser, die noch da sind, nehme ich mit auf die Reise in eine scheinbar längstvergangene Zeit ...

Es war einmal ein Mädchen von etwa 12 oder 13 Jahren, welches leidenschaftlich gerne Musik hörte; der einzige Zugang, den es zu dieser Musik hatte, war zunächst ein Radio, der sich in der Küche seiner Eltern befand. Es beneidete jene wenigen Mitschülerinnen und Mitschüler, die einen dieser steilen Grundig-Kassettenrecorder besaßen und ihn sogar in den Schikurs mitnehmen durften ! Etwa in der Mitte der 70er-Jahre beschloss sein Vater in einem Anfall von Leichtsinn, eine Musikanlage zu kaufen, und da er Wert auf Qualität legte, musste es eine dieser modernen Stereoanlagen sein. In einem Geschäft in der Landeshauptstadt erstand er eine Nordmende-Kompaktanlage, die Plattenspieler, Kassettenrecorder und Radio in einem einzigen, schaltpultähnlichen Gerät vereinte, welches einen Ehrenplatz im Wohnzimmer erhielt. Dreimal darf geraten werden, wo das Mädchen ab diesem Zeitpunkt seine Nachmittage verbrachte ! Emsig nahm es diverse Radiosendungen auf Kassette auf, stellte eigene Sampler zusammen und erwarb nach und nach diverse Schallplatten, die zu hören es nicht müde wurde. Kurze Zeit später kam ein Urahn der heutigen Ghettoblaster ins Haus, der zwar nur aus einem Radio und einem Kassettendeck bestand, dafür aber auch ein eingebautes Mikrofon besaß. Sowohl Kompaktanlage als auch Ghettoblaster landeten - um des Hausfriedens willen und weil die Eltern gerne wieder an den Abenden in Ruhe fernsehen wollten - früher oder später im Zimmer des Mädchens, welches in diesem Augenblick eine frühe Version des SingStar erfand, indem es - hinter sich die Stereoanlage, vor sich das Mikrofon - diversen Hits neue Dimensionen verschaffte. Mit Cliff Richard sang es im Duett "It's so funny how we don't talk anymore", ELO bekam durch seinen stimmlichen Einsatz zusätzlich zu den elektrischen Geigen eine besondere Note und REO Speedwagon durften sich mit solch einer Sängerin glücklich schätzen.

Ungefähr zur selben Zeit bekam ein Cousin, dessen Vater technikbegeistert war, zu Weihnachten ein Spiel, welches mit Hilfe des häuslichen Fernsehers dargestellt wurde. Der Bildschirm blieb dabei weitgehend schwarz, nur eine weiße Mittellinie war zu sehen, am linken und rechten Rand befanden sich je ein kurzer Strich und am oberen Rand links und rechts von der Mittellinie eine Art Zähler. Ziel dieses Spieles war es, die beiden kurzen Linien so zu bewegen, dass ein ballähnliches Etwas immer wieder zurückgeschossen wurde, wobei "schießen" eine unzulängliche Beschreibung dieses Vorganges darstellt, da der Ablauf verhältnismäßig langsam vor sich ging. Das Prinzip war das selbe wie beim Tennis, das Spiel war eine absolut faszinierende Sache und hieß Pong.

Als das Mädchen in ein Alter kam, in dem die Wochenenden üblicherweise nicht mehr durchgehend zu Hause verbracht werden, tauchten in den Lokalen mehr und mehr verschiedene Arten von Spielautomaten auf, bei denen es nicht darum ging, Geld zu gewinnen, sondern die auf Reaktionsschnelligkeit und Geschicklichkeit abzielten. Manche waren mehr und manche weniger interessant, aber ein Spiel gab es, das es wirklich begeisterte: Phoenix.

Ebenfalls gegen die Mitte der 70er-Jahre hin hatte einer der Onkel des Mädchens geheiratet; die Tante hatte relativ schnell nacheinander zwei Kinder bekommen. Als diese Kinder ungefähr 10 oder 11 Jahre alt waren, lag unter deren Christbaum eine Neuheit, von der viele Kinder damals ebenfalls träumten; es handelte sich um einen merkwürdig aussehenden Kasten, den man an den Fernseher anschließen konnte und der die seltsame Bezeichnung "Nintendo" trug. Dass die kleine Cousine und der kleine Cousin schon am zweiten Weihnachtsfeiertag ihre große Cousine als blutige Anfängerin abqualifizierten, indem sie ihr mittels Ice Climber gnadenlos ihre Grenzen aufzeigten, tat dem Unterhaltungwert keinen Abbruch. Spaß machte das Spiel trotzdem, und zwar sogar sehr großen !

Die Jahre gingen dahin, Jahre, in denen sich aus merkwürdigen Ideen verschrobener Tüftler handfeste Innovationen entwickelten, die nicht nur Kommunikation und Unterhaltung revolutionieren sollten. In der Zwischenzeit war aus dem Mädchen längst eine Frau geworden, die bereits selbst wieder eine Tochter hatte. Als diese Tochter ungefähr zwei Jahre alt war, kam der erste Computer ins Haus. Kurz zuvor hatte sich die Frau einen dreiwöchigen Computerkurs selbst finanziert, da ihr zu dumm war, einer neuen Technologie gegenüberzustehen wie der sprichwörtliche Ochs dem neuen Scheunentor. Der Umgang mit dem Computer machte ihr Freude und schnell merkte sie, dass sie gut mit dem Gerät umgehen konnte, viel besser als die meisten Menschen aus ihrem Umfeld. Sie installierte, deinstallierte, tüftelte am System herum und formatierte auch schon mal die Festplatte, wenn sich zuviel Softwareschrott angesammelt hatte. "Windows 95" nannte sich das Betriebsprogramm; es hatte seine Tücken, erschien aber dennoch sehr viel sympathischer als das trockene MS/DOS, auf welches sie nur beim Formatieren zurückgriff. Ach ja, und ein Spiel gab es, welches die Frau, das heißt: mich, in seinen Bann schlug: Die Siedler II. An dem Spiel stimmte (und stimmt auch heute noch) für mich alles: Aufbau, Charaktere, Spielmöglichkeiten, Animation und vor allem auch die Akustik (Das knuffige "Yippieee !", wenn ein Forscher Bodenschätze findet und das "Grugru" der Taube beim Posteingang, das Hämmern in der Schmiede und das Krachen der Bäume beim Holzfällen ... ). Abgesehen davon hatten mit diesem Computer auch Musik-CDs Eingang in meinen Haushalt gefunden, die mir trotz aller Nostalgie wesentlich sympathischer als Schallplatten sind.

Naja, meine Tochter mag Musik genauso gerne wie ich, und mittlerweile hatte sie ihren ersten Radio mit Cassettendeck im Kinderzimmer; als dieser seinen Geist aufgegeben hatte, bekam sie einen tragbaren CD-Player, wenig später einen Game Boy Advance SP, der im vergangenen Jahr von einem Nintendo DS abgelöst wurde. Unsere Tochter besitzt seit heuer einen eigenen Computer, und wenn ich mir ansehe, wie selbstverständlich und ohne Schwellenangst sie mit all diesen Geräten agiert, bin ich stolz auf sie.

Ich selber sitze mittlerweile an einem Notebook, das eine unglaubliche Menge an Stückln spielt, bewege mich selbstverständlich im Internet, pfeife aufs Festnetz und telefoniere mittels Handy, kenne ICQ und Teamspeak und wundere mich nur mehr manchmal darüber, wie selbstverständlich für mich der Umgang mit meiner Digicam geworden ist, wo ich doch mit einem alten Agfa-Fotoapparat das Fotografieren gelernt und mich dann über eine Fujica AZ-1 und eine Canon EOS 500 weiterentwickelt habe.

Auch wenn ich mir manchmal ganz schön alt vorkomme, wenn ich an die Technologien meiner Kindheit und Jugend zurückdenke, faszinieren mich die Entwicklung und Entstehung neuer technischer und kommunikativer Dimensionen, und auch hier gilt nach meinem Dafürhalten, dass keine dieser Neuerungen per se gut oder schlecht ist, sondern dass es darauf ankommt, was der Mensch daraus macht. Unsere Tochter ist jedenfalls überglücklich und befüllt gerade ihre neueste Errungenschaft gnadenlos mit Musikfiles jedweden Genres. Hmm, interessantes Teil, das. Ich glaube, ich werde mir zum Geburtstag vielleicht auch einen iPod wünschen ...
teacher meinte am 12. Sep, 09:33:
Solche Frauen werden nie alt!
Diese Geschichte (im doppelten Sinn) kommt mir seeeehr bekannt vor. 
walküre antwortete am 12. Sep, 12:34:
Vielen Dank !
Die "alte Frau" hat sich jetzt grad sehr über dieses Kompliment gefreut ... 
 

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