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Heute nachmittag war ich mit der Tochter ein wenig bummeln und wir sind aus diesem Anlass selbstredend, da beide Intensivleserinnen, in einer Buchhandlung stöbern gewesen. Der Tochter hab ich für den letztwöchigen Matheschularbeitszweier(!!!) als Draufgabe zur Siegesprämie noch ein Buch spendiert, ich selber hab einfach ziellos geschmökert und bin auf ein Buch gestoßen, das meine Neugier sofort geweckt hat. Es heißt "Pralle Prinzessinnen", wurde von Tine Wittler, die ich als Moderatorin sympathisch finde und deren ältere Schwester ich von der Figur her sein könnte, geschrieben und versteht sich in erster Linie als Mode- und Stilberatung für üppige Frauen, wiewohl auch andere Lebensbereiche gestreift werden. Ein kurzer Blick ins Innenleben des Buches genügte, um festzustellen, das es keinesfalls ein Fehlkauf sein würde.

Zuhause angekommen, habe ich mirs auf dem Sofa gemütlich gemacht und mit der Lektüre begonnen, die sich durchaus so gestaltet, wie man es von "Einsatz in 4 Wänden" her kennt. Tine Wittler wirft Klischees über den Haufen und bietet zum Teil unorthodoxe, jedoch sehr ansprechende Lösungen an; das Ganze wird garniert von den liebevollen Zeichnungen der Illustratorin Steffi Schütze. Dieses Zurechtrücken mancher Irrtümer und das gleichzeitige Anbieten attraktiver Alternativen macht das Buch für mich sehr reizvoll, zumal es mir genauso ergeht, wie die Autorin anfangs schildert: viele "pralle Prinzessinnen" würden gerne schöne Kleidung kaufen, scheitern aber im Endeffekt an der Ignoranz der Modeindustrie und begnügen sich letztlich resignierend mit faulen Kompromissen.

Dass ich nach der Lektüre zweier Drittel des Buches plötzlich sehr müde wurde, liegt keineswegs an Tine Wittler, sondern ist ein Zeichen für mich, dass ich nicht länger um die Frage meines Äußeren herumschleichen kann und darf wie die Katze um den sprichwörtlichen heißen Brei, sondern eine klare Entscheidung fällig ist. Stehe ich zu meinem Aussehen oder beuge ich mich aufgezwungenen Normen ? Mein Leben lang wurde mir von verschiedenen Seiten suggeriert, ich sähe häßlich bis abstoßend aus und müsse mich dafür, dass ich so bin, wie ich bin, schämen. Schämen für meine Figur, erst recht schämen für Genüsse kulinarischer Art ("Wer so aussieht, sollte überhaupt nichts essen !"), schämen für meine Sexualität ("Dicke haben kein Liebesleben zu haben, allein der Gedanke ist ekelhaft"). Es hat Jahrzehnte gedauert, um diesem Morast aus Schuldgefühlen und Selbstzweifeln zu entrinnen, und auch heute noch genügt meist eine dumme Bemerkung, ein abschätziger Blick, um mich mit einem Fuß bereits wieder in diesem Sumpf versinken zu lassen, von diversen Abbildungen sogenannter Traumfrauen ganz zu schweigen. Ich habe gelernt, mich wie weiland Münchhausen selber aus dem Moor zu ziehen, dennoch bleibt mein Alltag eine Gratwanderung des Selbstwertgefühls, für dessen Stabilisierung viel Energie verbraucht wird, die ich andernorts sinnvoller, das heißt produktiver, verwenden könnte.

Ich denke, es ist an der Zeit, eine Entscheidung zu treffen - die Entscheidung, zu meinem Äußeren zu stehen, zumal ich selbst es nicht als abstoßend empfinde. In meiner Jugend war ich deutlich größer als die meisten anderen Mädchen, und wenn auch meine Figur in Relation zu meiner Größe durchaus dem Mittel entsprach, hat sich aus der unseligen Konstellation von Schmähungen und einem gnadenlosen Modediktat im Geiste Twiggys eine deutlich gestörte Selbstwahrnehmung herausgebildet, die erst in den vergangenen Jahren teilweise verschwunden ist. Würde ich mich jetzt einmal mehr auf irgendeine Diät einlassen, täte ich dem Modediktat Genüge, nicht jedoch mir selbst, weil ich durchaus empfinde, dass mein Äußeres meinem reichen Innenleben entspricht. Warum ich mich kasteien soll, sehe ich nicht ein, zumal ich mittlerweile seit einigen Jahren völlig problemlos auf dem selben Gewicht bleibe und darüber hinaus - ärztlich verbrieft - absolut tolle Laborwerte aufweise. Hätte ich mich schon vor zwanzig Jahren mit meinem Aussehen angefreundet, brächte ich heute geschätzte fünfundzwanzig Kilogramm weniger auf die Waage - diese habe ich mir nämlich kontinuierlich mittels Jojo-Effekt zugelegt. Rückblickend kann ich sagen, dass ich nach jeder diätbedingten Gewichtsabnahme binnen vier bis fünf Monaten auch bei starker körperlicher Belastung drei bis vier Kilos mehr als vor der Diät auf den Rippen (und nicht nur dort !) hatte.

Gegen meine Körperfülle anzukämpfen wäre für mich heute ein sinnloser Kampf gegen mich selber, von außen angezettelt, geführt nicht um meiner selbst willen, sondern um oktroyierten Normen gerecht zu werden und somit selbstzerstörerisch. Soviel zum theoretischen Teil. Der praktische sieht anders aus. Ich stelle nämlich gerade fest, dass es mir schwerfällt, mich aufzurichten, wenn die Geister der Vergangenheit hohnlachend über mir schweben.
rosenherz meinte am 14. Mai, 22:06:
Naja, vielleicht tröstet es dich ein bisschen, wenn ich dir von mir erzähle: ich habe noch immer 45 Kilo mehr auf dem Leib, als in den Listen mit dem Normalgewicht für meine Größe angeführt ist. Zwar sind meine Laborwerte bestens, doch die Gelenke leiden. Daher gönne ich mir ein leckeres Essen, mit dem ich abnehme. Diät mache ich keine (mehr). Ich lege Wert auf täglich lustvolles Essen! So sind 11 Kilo schon geschafft, nun gehts an die nächsten vier - bis zum 21. August.

Aber was bedeutet Wendepunkt für dich? 
walküre antwortete am 15. Mai, 11:03:
Ich brauche
keinen Trost, sondern die klare Entscheidung, hinkünftig zu meinem Äußeren zu stehen, und diese ist auch mit "Wendepunkt" gemeint.

"Leckeres Essen, mit dem ich abnehme ?" - Woher weißt du, dass du von dem Essen abnimmst, wenn du nicht Kalorien zählst und täglich auf die Waage steigst ? Und du hast auch ein bestimmtes Ziel dabei, also handelt es sich sehr wohl um eine Diät. 
rosenherz antwortete am 15. Mai, 16:30:
Gut - war ja auch blöd von mir, mit Trostworten anzukommen, noch dazu bei dem Thema.
Entschuldige bitte. 
walküre antwortete am 15. Mai, 16:37:
Da gibts
nix zu entschuldigen, es war ja von dir nicht böse gemeint, also ist das schon ok. 
kittykoma meinte am 15. Mai, 12:02:
ich komme aus einer schwergewichtigen familie, wo 20-25 kg übergewicht normal sind, die meisten haben noch mehr drauf. mich betraf es nicht so, bei mir sind es die klassischen 5, in der zeit einer stoffwechselstörung waren 10 kg. aber größe 36 hatte ich einmal im leben für zwei wochen und da sah ich sch... aus.
wenn ich meine mutter und meine großmutter beim älterwerden beobachte, dann zahlen die tatsächlich mit jahren verzögerung eine saftige rechnung für die überbelastung ihrer gelenke. oma hatte nach jahren quälerei dann künstliche knie und ein künstliches hüftgelenk. bei ihr zahlte es sich positiv aus, daß mein großvater sie noch bis 60 auf skitouren mitschleppte.
meine mutter versucht, gegen ihre probleme und schmerzen anzugehen, indem sie die bewegung fast gänzlich einstellt. sie kann kaum 300m am stück zu fuß gehen, geschweige denn auf eine leiter steigen (mit mitte 60).
dann kommen da noch sachen hinterher. diabetes, bluthochdruck, alles nicht nett.
das ist wie mit dem rauchen. irgendwann sollte man damit schluß machen. leicht ist es nicht, der körper rebelliert dagegen, aber unterm strich geht es den meinsten damit langfristig besser.
ich glaube, es ist wichtig, den entschluß für sich selbst zu fassen, wie man sich mit seinem körper langfristig gesund und wohl fühlen möchte. zwang ist schrecklich. 
walküre antwortete am 15. Mai, 15:18:
Bis jetzt
sind noch keinerlei körperliche Auswirkungen zu spüren und ich habe - nicht zuletzt aufgrund der zügigen Spaziergänge mit Herrn Hund - eine sehr gute Kondition, sodass ich diesbezüglich nicht unter Druck stehe.
Mein Hauptproblem ist nach wie vor die gestörte Körperwahrnehmung. Stellen Sie sich vor, Sie stehen in einem Fuhrpark, haben jedoch nur einzigen passenden Schlüssel und müssen jetzt herausfinden, zu welchem Wagen er passt. Wenn Sie das Auto erst mal gefunden haben, steht es Ihnen frei, den Wagen anzunehmen oder auch gegen ein anderes Modell einzutauschen, aber sie müssen ihn zuerst finden ! Wie an anderer Stelle bereits bemerkt, bin ich immer wieder irritiert, wenn ich bemerke, dass die Frau im Spiegel oder in der Schaufensterscheibe, die ich keineswegs unnattraktiv finde, ich selber bin. Das KANN gar nicht ich sein - ich bin unansehnlich, häßlich, anstoßend oder wasauchimmer sonst an abwertenden Attributen gerade greifbar ist. Es ist nicht so, dass sich die Leute auf der Straße entsetzt nach mir umdrehen oder dass ich mit Spott bedacht werde - es geschieht überhaupt nichts in dieser Richtung von außen; was an mir pausenlos herummäkelt, ist ein Teil von mir selber, ein Stachel, der seit sehr langer Zeit in mir steckt und noch immer Gift abgibt. Der Verstand befiehlt mir, mit diesem Wahnsinn aufzuhören, weil er weiß, dass dieses Gift nur zum Teil mir galt, das Selbstwertgefühl krümmt sich noch immer unter den erlittenen Verletzungen. 
kittykoma antwortete am 15. Mai, 15:28:
vielleicht ist auch die assoziative gleichsetzung von übergewicht und mangel an attraktivität der sperrriegel. das wird einam ja ständig von außen suggeriert. (der derzeitige mann an meiner seite meinte mal an einem tag, an dem ich mein allerniedrigstes niedriggewicht seit jahren hatte: wenn du jetzt ordentlich trainierst und 5 kilo abnimmst, dann siehst du für dein alter richtig klasse aus. 2x treffer und versenkt! der a...)
das löst nicht nur trotz sondern auch kompensation aus. ich bin immer am besten damit zurechtgekommen, wenn ich auf mein körpergefühl gehört habe. ein mittelmaß zwischen kraft, beweglichkeit, selbstbeherrschung und genuß bekam mir immer am besten. wobei das gleichgewicht fragil ist. jeder, der an mir rumkrittelt, wird vom unbewußten gerne gehört. und was ist besser, als sich was nettes zu essen zu gönnen und den schutzpanzer zu erhalten? 
walküre antwortete am 15. Mai, 15:40:
Die Formulierung
"Schutzpanzer" ist überaus treffend gewählt.
Einer der Standardsätze meiner Kindheit, wenn es mir schlechtging, war. "Iss was, dann geht es dir besser !" Keine zwei Stunden später wurde ich einmal mehr wegen meines Aussehens bekrittelt. Diesem Teufelskreis bin ich mittlerweile entronnen und kann sehr wohl unterscheiden, ob ich jetzt aus Frust nach Essen als Ersatzbefriedigung verlange oder weil ich jetzt das Bedürfnis nach Nahrung verspüre. Das Körpergefühl, genau das ist die eigentliche Problemzone. Mir wurde jahrelang suggeriert, ich sähe zum Davonlaufen aus, obwohl das aus heutiger Sicht überhaupt nicht der Fall war, und habe irgendwann eben verinnerlicht, dass ich mich in meinem Körper nicht wohlzufühlen HABE. 
kittykoma antwortete am 15. Mai, 15:57:
ja, das füttern statt streicheln oder womöglich mal zuhören, das kenne ich auch.
ich habe ja von meiner mutter in meinen schlimmsten pubertätsspeckzeiten gesagt bekommen, ich solle nicht so traurig darüber sein, sie wäre auch ein fetter häßlicher teenager gewesen. was mir im nachhinein auffiel war, daß sie mich von da ab plötzlich als freundin und nicht mehr als fremdkörper in der familie behandelte. 
walküre antwortete am 15. Mai, 16:26:
Das lief
bei mir anders: Meine Eltern gehören beider jener Zwischenkriegsgeneration an, der Hunger und Armut kriegsbedingt nicht fremd sind, also wurde ich bereits als Baby "ordentlich gefüttert", denn so zeigte man indirekt Wohlstand und Gesundheit. Später dann, als sich herausstellte, dass ich mich körperlich und geistig nicht nur nicht nach dem Wunsch meiner Mutter entwickelte (kleines, zierliches, hübsches Elfchen, kann dafür ruhig strohdumm sein), sondern genau die Richtung meiner Tanten (großgewachsene Vollweiber, weder dumm noch auf den Mund gefallen), die meiner Mutter verhasst waren, einschlug, wars vorbei. Richtig giftig wurde sie dann während meiner Pubertät, wenn ich statt ihr aus dem Kreise der Familie Komplimente erhielt, denn sie selber hat sich immer nur über ihr Aussehen definiert. Sie hat mittlerweile ohne größere gesundheitliche Probleme ein relativ hohes Alter erreicht, aber statt sich darüber zu freuen und das Leben zu genießen, ist sie verbittert darüber, dass sie nicht mehr aussieht wie mit 30. Unlängst, als sie einiger anläßlich eines Geburtstages entstandener Fotos ansichtig wurde, von denen außer ihr alle Anwesenden angetan waren, bekam man von ihr nur ein verbittertes (auf sich selber bezogen) "Dass man so häßlich werden kann !" zu hören. 
 

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