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zwischen Pubertät und Altersstarrsinn

 
Der unlängst bei Frau Frogg gefundene Beitrag über ein Buch mit dem Titel "The Culture-Code" hat meine Neugier geweckt, sodass ich gestern in der Buchhandlung meines Vertrauens die bestellte deutschsprachige Taschenbuchausgabe dieses Sachbuches abholte und noch am Abend las, und zwar von Anfang bis zum Ende.

Schwierig zu lesen ist das Buch nicht, was aber keineswegs mit etwaiger Anspruchslosigkeit in Zusammenhang zu bringen ist; der Autor besitzt europäischen Hintergrund, lebt aber mittlerweile in den USA und sieht sich selber auch vorwiegend als Amerikaner. Sehr hoch rechne ich ihm an, dass er trotz manch seltsamer Sitten und Gebräuche sich über keines der von ihm betrachteten Länder lustig macht und auch keines über den grünen Klee lobt, sondern bemerkenswert objektiv bleibt. Seine Beobachtungen beziehen sich vorwiegend auf die USA, in kleinerem Rahmen auch auf Frankreich, England, Italien, Deutschland und Japan, weshalb ich dieses Buch jedem Menschen empfehle, der beabsichtigt, längere Zeit in den USA zu verbringen. Ich für meinen Teil war äußerst verblüfft, in diesem Buch den Schlüssel zu so manchem Rätsel zu finden, auf das man als Europäer angesichts des amerikanischen Alltagslebens unweigerlich stösst, und sehe jetzt manches in einem ganz anderen Licht.

Schade, dass ich während meiner Oberstufenzeit nicht wusste, was ich jetzt weiß. Wir hatten eine sehr nette Kalifornierin als Austauschstudentin in unserer Klasse, mit der ich auch brieflich nach ihrer Rückkehr in die Staaten noch in Kontakt blieb. Bis ich mich als angehende Maturantin in meinem Stolz gekränkt zutiefst gekränkt fühlte, als sie sich bei mir erkundigte, ob ich denn bald heiraten und viele Kinder haben würde, und daraufhin den Kontakt zwischen uns einschlafen ließ, weil ich mich - unsicher wie ich damals war - auf den Arm genommen fühlte, aber gleichzeitig nicht den Mut hatte, nachzufragen, wie sie diesen Satz gemeint haben könnte.
diefrogg meinte am 22. Okt, 16:15:
Oh! Ich bin froh,
dass Ihnen das Buch gefallen hat. Es hat bei Ihnen offenbar einen sehr ähnlichen Eindruck hinterlassen wie bei mir. Allerdings habe ich mich auch gefragt, ob unsere Kultur nicht in vielen Bereichen sehr ähnliche Codes hat wie die amerikanische.

Beispiel Gesundheit. Laut Clotaire gilt in den USA der Code "Gesundheit = Bewegung". Nun stelle ich fest, dass ich leicht dramatische Geschichten über meine Schwindelanfälle schreiben kann, die mich ja sehr deutlich daran hindern, mich zu bewegen. Sie werden auch gelesen und in ihrer Dramatik verstanden. Viel schwerer fällt es mir, über meine Schwerhörigkeit zu schreiben, die mich im Grunde viel nachhaltiger quält als die Stürze. Um mit Rapaille zu sprechen: Schwerhörigkeit ist einfach nicht "on code". Bewegungsunfähigkeit dagegen schon. 
walküre antwortete am 22. Okt, 16:36:
Bewegungsunfähigkeit
entspricht überhaupt nicht dem Code, zumindest nicht in den USA. Wie auch Rapaille ausführt, hat Europa einen anderen, reiferen (im Gegensatz zum pubertären Amerika) kulturellen Hintergrund, der geistige Leistungsfähigkeit über die körperliche stellt. DESWEGEN werden Ihre Beiträge über Schwindel gelesen, ebenso wie jene viele Leser/innen fänden, die Ihre Scherhörigkeit behandelteten - so sie solche vermehrt schreiben würden. 
diefrogg meinte am 24. Okt, 21:15:
Es erstaunt mich,...
dass Sie (und offenbar Herr Rapaille, das muss ich überlesen haben) sich über den europäischen Code so sicher sind. Ich stelle immer wieder fest, dass wir hierzulande in vielen sozialen Schichten einen latenten Anti-Intellektualismus haben, der geistige Arbeit grundsätzlich abwertet. Auch wenn die meisten Leute ja schon längst nicht mehr goldenes Handwerk oder ehrenwerte Bauernarbeit ausüben. 
walküre antwortete am 26. Okt, 15:11:
Bei Rapaille
klingt diese Ansicht immer wieder durch, besonders zum Beispiel in dem Kapitel, welches sich mit dem Code für Gesundheit und Jugend befasst; auch bei jenem über Liebe, Verführung und Sex kommt diese Erkenntnis zum Tragen.

Meiner Beobachtung nach wird Intellekt dort abgewertet, wo er ohnehin nicht zu finden ist - beinhart formuliert. 
 

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