Vor zwei Wochen bin ich bei einem meiner Streifzüge durch Buchhandlungen auf das neue Buch Daniel Kehlmanns gestoßen, welches den Titel „Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten.“ trägt. Auf der Rückseite steht zu lesen:
Ein Schriftsteller mit der unheilvollen Neigung, Menschen, die ihm nahestehen, zu Literatur zu machen, ein verwirrter Internetblogger, ein Abteilungsleiter mit Doppelleben, ein berühmter Schauspieler, der lieber unbekannt wäre, eine alte Dame auf der Reise in den Tod: Ihre Wege kreuzen sich in einem Geflecht aus Episoden zwischen Wirklichkeit und Schein. Ein Spiegelkabinett voll unvorhersehbarer Wendungen – komisch, tiefgründig und elegant erzählt vom Autor der „Vermessung der Welt“.
Ja, dachte ich in diesem Moment, ja, das klingt nach einer Art Lektüre, die allemal für einen entspannten Abend auf der heimischen Couch gut ist, und auch der verwirrte Internetblogger weckte meine Neugier, weil ich mir vorstellte, einen Blick darauf werfen zu können, wie Blogger für Nicht-Blogger dargestellt werden. Gestern abend entfernte ich dann endlich die Verpackungsfolie, machte es mir gemütlich und begann zu lesen.
Die erste Geschichte ist in dieser Form äußerst unwahrscheinlich, die zweite schien mir ein wenig fad - Lesereisen schildert Wladimir Kaminer pointierter, farbiger und lebendiger. In der dritten Episode kommt ein Satz vor, der die übrigen Seiten des Buches treu an meiner Seite blieb: „Etwas daran ist falsch. Aber schwer zu sagen, was.“
Dass es sich um einen Roman und nicht um eine Dokumentation handelt, lässt unter Umständen den Aspekt der Glaubwürdigkeit obsolet erscheinen, dennoch stellt sich ein sehr schaler Beigeschmack ein, wenn der Autor in „Osten“ eine Schriftstellerin in Turkmenistan oder Usbekistan (Der ursprünglich vorgesehene Reiseteilnehmer erwähnt zuvor, er wisse nicht genau, in welchen Teil Zentralasiens die Reise gehen solle) aufgrund organisatorischer Mängel spurlos verschwinden lässt – und vor allem die dortigen Menschen als primitive Trottel darstellt.
Meine Verstimmung verstärkte sich bei der Lektüre von „Antwort an die Äbtissin“. Unschwer zu erkennen, dass Herr Kehlmann sich dazu hinreißen ließ, über Paulo Coelho in Gestalt eines Autors mit dem Namen Miguel Auristos Blancos herzuziehen. Ich bin kein erklärter Fan von Coelho, lehne ihn aber auch nicht ab; dass er Erfolg hat, lässt sich nicht bestreiten, dass Erfolg stets auch Neider mit sich bringt, ebensowenig. Sollte etwa genau dies der Grund ... ?
Gänzlich in Schieflage geriet Kehlmanns Buch für mich aber bei der darauf folgenden Episode mit dem Titel „Ein Beitrag zur Debatte“, die sich mit dem auf dem Buchumschlag angekündigten Blogger befasst. Gleich vorweg: Der Blogger ist kein Blogger, sondern ein fanatischer Teilnehmer diverser Foren. Die Geschichte - als Posting deklariert – in einer Sprache abgefasst, die Menschen über 80 und ohne jeglichen Bezug zum Internet wohl als naturgetreue Wiedergabe ansehen werden, welche in dieser Form aber nicht mehr als eine Mischung aus „Ey, Allder !“-Slang, wahllos zusammengesuchten Anglizismen und einigen Fachausdrücken darstellt. Einen Fehler wie „Kontent“ statt „Content“ auszubügeln, wäre Sache des Lektorats gewesen, für alles andere ist allerdings der Autor verantwortlich, der gängige Klischees bezüglich internetsüchtiger Nerds reichlich bedient.
Nachdem ich „Ruhm“ ausgelesen hatte und mit Herrn Hund die Abendrunde gegangen war, kristallisierte sich für mich schließlich heraus, was an diesem verhältnismäßig dünnen Buch falsch ist – und das ist leider nicht wenig, wenn ich die Sache genau betrachte:
Die Protagonisten der Geschichten bleiben allesamt seltsam blutleer; es sind kaum Konturen der Persönlichkeiten auszumachen, die Figuren ebenso farb- wie leidenschaftslos, verwaschen, verschwommen. Ganz kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Kehlmann vom Verlag unter Termindruck gesetzt wurde, daraufhin seine Notizen durchgesehen hat und aus dem, was ihm brauchbar schien, unter Beifügung einiger Anleihen von Kafka und Poe etwas zusammengeschustert hat, das von Umfang und inhaltlicher Struktur her gerade noch als Buch durchgeht. Wer sich für menschliche Verstrickungen mit psychologischem Tiefgang interessiert, sollte diesen Titel jedenfalls besser nicht zur Hand nehmen, denn „komisch, tiefgründig und elegant erzählt“ trifft auf etliche Bücher des aktuellen Literaturgeschehens zu – auf „Ruhm“ sicher nicht.
Ein Schriftsteller mit der unheilvollen Neigung, Menschen, die ihm nahestehen, zu Literatur zu machen, ein verwirrter Internetblogger, ein Abteilungsleiter mit Doppelleben, ein berühmter Schauspieler, der lieber unbekannt wäre, eine alte Dame auf der Reise in den Tod: Ihre Wege kreuzen sich in einem Geflecht aus Episoden zwischen Wirklichkeit und Schein. Ein Spiegelkabinett voll unvorhersehbarer Wendungen – komisch, tiefgründig und elegant erzählt vom Autor der „Vermessung der Welt“.
Ja, dachte ich in diesem Moment, ja, das klingt nach einer Art Lektüre, die allemal für einen entspannten Abend auf der heimischen Couch gut ist, und auch der verwirrte Internetblogger weckte meine Neugier, weil ich mir vorstellte, einen Blick darauf werfen zu können, wie Blogger für Nicht-Blogger dargestellt werden. Gestern abend entfernte ich dann endlich die Verpackungsfolie, machte es mir gemütlich und begann zu lesen.
Die erste Geschichte ist in dieser Form äußerst unwahrscheinlich, die zweite schien mir ein wenig fad - Lesereisen schildert Wladimir Kaminer pointierter, farbiger und lebendiger. In der dritten Episode kommt ein Satz vor, der die übrigen Seiten des Buches treu an meiner Seite blieb: „Etwas daran ist falsch. Aber schwer zu sagen, was.“
Dass es sich um einen Roman und nicht um eine Dokumentation handelt, lässt unter Umständen den Aspekt der Glaubwürdigkeit obsolet erscheinen, dennoch stellt sich ein sehr schaler Beigeschmack ein, wenn der Autor in „Osten“ eine Schriftstellerin in Turkmenistan oder Usbekistan (Der ursprünglich vorgesehene Reiseteilnehmer erwähnt zuvor, er wisse nicht genau, in welchen Teil Zentralasiens die Reise gehen solle) aufgrund organisatorischer Mängel spurlos verschwinden lässt – und vor allem die dortigen Menschen als primitive Trottel darstellt.
Meine Verstimmung verstärkte sich bei der Lektüre von „Antwort an die Äbtissin“. Unschwer zu erkennen, dass Herr Kehlmann sich dazu hinreißen ließ, über Paulo Coelho in Gestalt eines Autors mit dem Namen Miguel Auristos Blancos herzuziehen. Ich bin kein erklärter Fan von Coelho, lehne ihn aber auch nicht ab; dass er Erfolg hat, lässt sich nicht bestreiten, dass Erfolg stets auch Neider mit sich bringt, ebensowenig. Sollte etwa genau dies der Grund ... ?
Gänzlich in Schieflage geriet Kehlmanns Buch für mich aber bei der darauf folgenden Episode mit dem Titel „Ein Beitrag zur Debatte“, die sich mit dem auf dem Buchumschlag angekündigten Blogger befasst. Gleich vorweg: Der Blogger ist kein Blogger, sondern ein fanatischer Teilnehmer diverser Foren. Die Geschichte - als Posting deklariert – in einer Sprache abgefasst, die Menschen über 80 und ohne jeglichen Bezug zum Internet wohl als naturgetreue Wiedergabe ansehen werden, welche in dieser Form aber nicht mehr als eine Mischung aus „Ey, Allder !“-Slang, wahllos zusammengesuchten Anglizismen und einigen Fachausdrücken darstellt. Einen Fehler wie „Kontent“ statt „Content“ auszubügeln, wäre Sache des Lektorats gewesen, für alles andere ist allerdings der Autor verantwortlich, der gängige Klischees bezüglich internetsüchtiger Nerds reichlich bedient.
Nachdem ich „Ruhm“ ausgelesen hatte und mit Herrn Hund die Abendrunde gegangen war, kristallisierte sich für mich schließlich heraus, was an diesem verhältnismäßig dünnen Buch falsch ist – und das ist leider nicht wenig, wenn ich die Sache genau betrachte:
Die Protagonisten der Geschichten bleiben allesamt seltsam blutleer; es sind kaum Konturen der Persönlichkeiten auszumachen, die Figuren ebenso farb- wie leidenschaftslos, verwaschen, verschwommen. Ganz kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Kehlmann vom Verlag unter Termindruck gesetzt wurde, daraufhin seine Notizen durchgesehen hat und aus dem, was ihm brauchbar schien, unter Beifügung einiger Anleihen von Kafka und Poe etwas zusammengeschustert hat, das von Umfang und inhaltlicher Struktur her gerade noch als Buch durchgeht. Wer sich für menschliche Verstrickungen mit psychologischem Tiefgang interessiert, sollte diesen Titel jedenfalls besser nicht zur Hand nehmen, denn „komisch, tiefgründig und elegant erzählt“ trifft auf etliche Bücher des aktuellen Literaturgeschehens zu – auf „Ruhm“ sicher nicht.
testsiegerin meinte am 8. Feb, 16:27:
wenn ich wieder mal Lesestoff empfehlen darf: "Dieses Buch wird ihr Leben retten", von A.M. (nein, nicht See ;-)) Homes.
Oder "Zoli" von Colum McCann
walküre antwortete am 10. Feb, 12:15:
Hm. Beim ersten Titel bin ich unschlüssig, hab das Buch sogar schon in der Hand gehabt, aber mich nicht zum Kauf entscheiden können; "Zoli" wiederum ist mir zu drastisch - nicht per se, aber ich werde von meiner Schwiegermutter über das Gedeihen der Familienbiografie am Laufenden gehalten, die leider auch genug Kriegsgrauen enthält. Wenn ich noch ein Buch wie "Zoli" lese, sehe ich derzeit darin nicht die positiven Aspekte, sondern verzweifle an der Menschheit. Mich ziehts wieder zu Anna Gavalda, glaub ich.
la-mamma meinte am 8. Feb, 17:22:
danke fürs
abraten! ich verlass mich auf dein urteil, diese rezension genügt mir völlig;-)
walküre antwortete am 10. Feb, 12:17:
Ich trau mich zu behaupten, dass dir das Buch ebensowenig gefallen hätte wie mir, weil es den Verstand einer Vielleserin wie dir völlig unterfordert.
kaltmamsell meinte am 10. Feb, 08:48:
Ich mag nicht so recht glauben, dass ein Herumhacken auf Coelho aus Neid geschieht (basiert Kritik an der Qualität von Rosamunde-Pilcher-Werken auch auf Erfolgsneid?) - schließlich kann jeder so schreiben:http://www.zeit.de/2008/52/Martenstein-52
walküre antwortete am 10. Feb, 12:09:
So einfach ists dann auch wieder nicht, sonst hätte der Herr Martenstein doch wohl gleich ein ganzes Buch verfassen können, nicht wahr ?Aber davon abgesehen, soll man ohnehin nie allzusehr über Literatur im Stile von Pilcher & Co. lästern, denn irgendwann könnte ein Moment im Leben kommen, in dem man ein Bedürfnis nach genau dieser Art von Büchern verspürt ...
kaltmamsell antwortete am 10. Feb, 14:51:
Ich fürchte, auf ein Coelho-artiges Buch seinen Namen zu schreiben, wäre ihm zu peinlich gewesen, dem Herrn Martenstein. Er hat ihn lieber auf seinen eigenen Roman gesetzt.Ihrem "jede braucht mal Pilcher" widerspreche ich energisch. Es gibt eine Menge gut gemachter, einfach zugänglicher Unterhaltungsliteratur - und eine Menge miserabel gemachter. Wann sollte jemand, der Besseres gewohnt ist, das Bedürfnis nach schlecht geschriebenen, holprig konstruierten und aus Stereotypen gestrickten Romanen entwickeln?
walküre antwortete am 10. Feb, 17:50:
Für viele Autoren hört Peinliches auf, peinlich zu sein, wenn es um viel Geld geht ...Sie fragen, weshalb man in manchen Lebenslagen das Bedürfnis nach einem seichten Schnulzenroman entwickelt ? Aus demselben Grund, aus dem man sich mit voller Absicht ab und zu einen schmalztriefenden Rührfilm ("Pretty Woman" zum Beispiel) ansieht oder die Platters in gerade noch nachbarverträglicher Lautstärke laufen lässt - aus reiner Gefühlsduselei, bei der der Verstand zur Abwechslung nichts zu suchen hat.
Nathaneal meinte am 11. Feb, 20:55:
Die Kritik an diesem Buch kann ich nachvollziehen. Mir kam(en) die Geschichte(n) die ganze Zeit über irgendwie steril vor: Selbst die Schrift auf dem Umschlag ist ordentlich einheitlich, alles soll 'stilvoll distanziert' wirken und bleibt auf diese Weise unnahbar.Wurde Daniel Kehlmann nicht einmal als 'steriles Genie' bezeichnet? Oder taucht diese Bezeichnung nicht gar in seinem neuen Buch auf? Egal, ob nun Genie oder nicht, steril ist er auf jeden Fall.
katiza meinte am 12. Feb, 10:35:
Da schließ ich mich auch noch an - auch mich hat das Buch nicht berührt...
pringle meinte am 1. Mrz, 18:37:
aus der seele gesprochen
vielen dank für diese rezension. unterschreibe alles, ohne mit der wimper zu zucken.miss pringle, auch kein coelho-fan
(wasn jetzt eigentlich mit der so viel gepriesenen vermessung der welt? ist die auch so schlimm?)
walküre antwortete am 1. Mrz, 20:54:
Bis dato habe ich mich nicht zu "Die Vermessung der Welt" aufraffen können, allerdings handelt es sich bei diesem Buch ohnehin offenbar eher um ein Sachbuch; fest steht aber, dass ich jetzt erst recht kein Bedürfnis verspüre, den Titel meiner Bibliothek einzuverleiben.