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zwischen Pubertät und Altersstarrsinn

 

Die Nacht war mehr als durchwachsen, also ziehe ich am frühen Morgen die logische Schlussfolgerung, dass man für Lampenfieber nie zu alt ist. Ich lasse mir Zeit, dusche in Ruhe, gehe die übliche Frührunde mit Herrn Hund und trinke noch eine Tasse Kaffee mit einem Kipferl dazu, denn pünktlich zu Bürobeginn möchte ich auch nicht unbedingt auf der Matte stehen. Auf dem Weg hole ich noch eine kleine Apothekenbestellung für meine Schwiegermutter ab und stelle später, beim Warten, fest, dass das Packerl in meiner geöffneten Handtasche aussieht wie ein Vorrat an Inkontinenzeinlagen. Nun ja, ob ich mich alt fühlen soll oder nicht, erschließt sich mir während der ganzen Wartezeit ohnehin nicht recht; zwar sehe ich ein paar Menschen meiner Altersgruppe, die meisten von ihnen scheinen aber als Begleitung ihrer wartenden Kinder zu fungieren, obwohl dann später durchaus auch ein paar von ihnen alleine in eines der Büros gehen.

Mit all den Rennereien der vergangenen Wochen habe ich meine Behördenroutine aufgefrischt und erkenne so recht schnell, dass es gilt, eine Nummer zu ziehen, die dann irgendwann in hoffentlich nicht allzuferner Zeit aufgerufen werden wird. Ich ziehe. Und warte, denn „meine“ Nummer ist noch fast zweihundert Stellen entfernt. Nach einer Weile habe ich kampflos einen Fensterplatz ergattert und harre weiter ohne Hektik mit den vielen anderen Menschen aus, denn die Anliegen der Wartenden werden großteils recht zügig bearbeitet, bei ausländischen Staatsbürgern dauert das Prozedere halt aufgrund der aufwändigeren Dokumentation etwas länger. Es kommen ständig neue Menschen nach und gesellen sich zu den Reihen der Wartenden. Als angenehm empfinde ich die Tatsache, dass alles sehr unaufgeregt abläuft: niemand mault herum, niemand versucht, sich vorzudrängen. Genau hundert Nummern trennen mich jetzt noch vom Betreten des Büros.

Lektüre habe ich keine mitgenommen, weil ich sowieso viel zu nervös zum Lesen bin, stattdessen beobachte ich die Menschen um mich herum. Erstaunlich, wie sehr manche Klischees bedient werden, denke ich beim Anblick dreier blonder, junger Frauen mit Poloshirts in Rosa, Perlenohrringen und Nobelsonnenbrillen im Haar. Ein paar Meter von mir entfernt steht Tom Cruise in einer jugendlichen und großgewachsenen Variante, sogar das Lachen sieht gleich aus, ohne nachgeahmt zu wirken. Zwischendurch horche ich überfallsartig in mich hinein, um herauszufinden, ob auch in den tieferen Bereichen meines Wesens mein gewagtes Vorhaben ehrliche Akzeptanz findet, und, ja, es spürt sich sehr gut und sehr richtig an, dass ich hier bin, und zwar auch noch beim fünften Mal Hineinhorchen. Mittlerweile sind es nur mehr fünfzig Nummern – wie schnell doch zwei Stunden vergehen ! Ein relativ alter, gutgekleideter Mann erkundigt sich, wer von uns in das auch mir zugeteilte Büro gehen muss, erhält die Auskunft, die Wartenden würden nach gezogenen Nummern aufgerufen, und stellt sich kurz darauf als unangenehmer Zeitgenosse heraus, indem er ungebetenerweise ein Büro betritt und dort moniert, dass er nicht zu warten wünsche (und überhaupt !), was mich wiederum angesichts der vielen geduldig Wartenden zu einer Runde Fremdschämen verleitet.

In Anbetracht der Uhrzeit werden noch weitere Büros geöffnet, was mich aber nicht mehr betrifft, denn jetzt muss ich nur noch zwanzig Vorgänger/innen abwarten, gleich darauf nur mehr zehn, bei fünf überlege ich eine Sekunde lang, auf den Absätzen kehrtzumachen, rufe meinen inneren Schweinehund aber unverzüglich und erfolgreich zur Ordnung – und betrete im nächsten Augenblick selber das Büro, wo sich eine sehr freundliche Frau meines Anliegens annimmt.




Zehn Minuten später bin ich an der Universität Wien immatrikuliert.

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