Am Anfang stand eine Buchempfehlung, nicht mehr als eine kleine Randnotiz, die irgendwann im Frühling meine Aufmerksamkeit auf sich zog, und die ich wieder wegklickte als eine von vielen. Wenige Tage später begegnete mir der Titel wieder, und dieses Mal druckte ich das Bild mit dem kurzen Begleittext aus, um das Blatt Papier mit den wenigen Zeichen darauf in jene Ablage zu geben, in der ich manche Fundstücke in Evidenz halte, oftmals ohne zu wissen, wofür. Manche davon wandern nach geraumer Zeit – ohne Bedeutung erlangt zu haben – zum Altpapier, einige finden ihre Bestimmung, indem sie in einem vorher nicht absehbaren geschäftlichen Kontext Wichtigkeit erlangen, und selten genug kommt es vor, dass mich etwas Unerklärbares mit unwiderstehlicher Macht immer wieder an eine dieser vorgeblichen Marginalien gemahnt.
Der Sommer war voll der Aktivitäten, allesamt notwendig, um Geschäftliches und Privates wieder zu ordnen; anfangs genoss ich es, doch mit zunehmender Dauer der anstrengenden Unternehmungen begann ich, gewisse Gepflogenheiten, die zuvor meinem Leben Inseln der Ruhe und Entspannung verschafft hatten, schmerzlich zu vermissen. Am meisten fehlte mir das abendliche Ritual des Lesens, zu einer Zeit, wo rundherum Ruhe und Friede herrschen und keine störenden, aus der Außenwelt kommenden Unterbrechungen mehr zu erwarten sind. Der Drang wurde übermächtig, sodass ich binnen zweier Wochen – manchmal in der Mittagspause, meist jedoch an den Abenden – fünf Bücher mittleren Umfangs gelesen habe. Ohne einen Vorrat an Büchern kann ich nicht leben - nicht auszudenken, wie traurig es wäre, an einem Abend voller Leselust keine ungelesenen Bücher in Reichweite zu haben ! Plötzlich war der Gedanke an jene unscheinbare Rezension wieder präsent, und diesmal orderte ich das Buch ...
Ob ich eines Abends oder zu Mittag mit der Lektüre begonnen habe, kann ich nicht mehr sagen, ich weiß nur, dass sie mich von der ersten Seite an in ihren Bann geschlagen hat. Behutsam beginnt die Autorin die Fäden zu spinnen, einzeln zunächst, um sie mit zunehmender Seitenzahl zu einem Muster zu verflechten, in dessen Buntheit sich alle Höhen und Tiefen des Lebens spiegeln. Mit unendlicher Zärtlichkeit erzählt Anna Gavalda von der alten Paulette, die eines Tages ihre Umwelt nicht mehr über ihr Alter und die damit verbundene zunehmende körperliche Hilflosigkeit hinwegtäuschen kann, von Ihrem Enkel, dessen Leben nur mehr aus der Flucht in seine Arbeit, einem Faible für Motorräder und viel zuwenig Schlaf besteht; von Philibert, einem verarmten und vereinsamten Adeligen, der aus erbschaftsrechtlichen Gründen als eine Art Concierge alleine in der riesigen Wohnung seiner verstorbenen Großmutter lebt, in der die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, und von der magersüchtigen, mit einer bleiernen Kindheit behafteten Camille, die allmählich wieder zu ihrem eigenem Leben zurückfindet.
Noch nie zuvor habe ich mich in einem Buch in diesem Ausmaß wiedergefunden, wie es hier der Fall ist, und das nicht zuletzt deshalb, weil für die Protagonisten dieses wunderbaren Stückchens Literatur ihr eigenes Leben in jenem Moment beginnt, als sie anfangen, es vorbehaltlos zu bejahen, indem sie über ihren eigenen Schatten springen und auf ihr Herz hören – trotz oder – besser gesagt - genau wegen aller Wunden der Vergangenheit.
Unabhängig von den persönlichen Aspekten muss ich anmerken, dass dieser Roman in vielerlei Hinsicht als überaus gelungen zu bezeichnen ist: geschrieben in einer flaumleichten Sprache, ohne in Seichtheit zu stranden, lässt er seinen Figuren warmherzig und frei von Klischees Spielraum; nichts wirkt konstruiert, sondern die Handlung entwickelt sich leichtfüßig und die Erzählweise wirkt niemals moralisierend und dogmatisch, sondern überlässt es der Leserschaft, sich eine eigene Meinung zu bilden. Behutsam wird Schicht um Schicht die Vergangenheit freigelegt, psychologisch schlüssig gewinnen die vier Hauptpersonen mit fortschreitender Dauer der Lektüre an Tiefe und Kontur. Menschen wir wir, mit Fehlern und Schwächen, versuchen, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen und vermitteln die Botschaft, dass für jeden von uns das persönliche Glück sich in Reichweite befindet, sofern man sehenden Auges durch das Leben geht und bereit ist, zu helfen und sich helfen zu lassen. Ob die Handlung frei erfunden ist ? Wer weiß, im Leben ist so vieles möglich ...
Anna Gavalda – Zusammen ist man weniger allein
(Hanser, ISBN 3-446-20612-4)
Auch im französischen Original unter dem wunderbar doppeldeutigen Titel „Ensemble, c’est tout“ in gebundener Ausgabe erhältlich (in Taschenbuchform derzeit nicht lieferbar) !
Der Sommer war voll der Aktivitäten, allesamt notwendig, um Geschäftliches und Privates wieder zu ordnen; anfangs genoss ich es, doch mit zunehmender Dauer der anstrengenden Unternehmungen begann ich, gewisse Gepflogenheiten, die zuvor meinem Leben Inseln der Ruhe und Entspannung verschafft hatten, schmerzlich zu vermissen. Am meisten fehlte mir das abendliche Ritual des Lesens, zu einer Zeit, wo rundherum Ruhe und Friede herrschen und keine störenden, aus der Außenwelt kommenden Unterbrechungen mehr zu erwarten sind. Der Drang wurde übermächtig, sodass ich binnen zweier Wochen – manchmal in der Mittagspause, meist jedoch an den Abenden – fünf Bücher mittleren Umfangs gelesen habe. Ohne einen Vorrat an Büchern kann ich nicht leben - nicht auszudenken, wie traurig es wäre, an einem Abend voller Leselust keine ungelesenen Bücher in Reichweite zu haben ! Plötzlich war der Gedanke an jene unscheinbare Rezension wieder präsent, und diesmal orderte ich das Buch ...
Ob ich eines Abends oder zu Mittag mit der Lektüre begonnen habe, kann ich nicht mehr sagen, ich weiß nur, dass sie mich von der ersten Seite an in ihren Bann geschlagen hat. Behutsam beginnt die Autorin die Fäden zu spinnen, einzeln zunächst, um sie mit zunehmender Seitenzahl zu einem Muster zu verflechten, in dessen Buntheit sich alle Höhen und Tiefen des Lebens spiegeln. Mit unendlicher Zärtlichkeit erzählt Anna Gavalda von der alten Paulette, die eines Tages ihre Umwelt nicht mehr über ihr Alter und die damit verbundene zunehmende körperliche Hilflosigkeit hinwegtäuschen kann, von Ihrem Enkel, dessen Leben nur mehr aus der Flucht in seine Arbeit, einem Faible für Motorräder und viel zuwenig Schlaf besteht; von Philibert, einem verarmten und vereinsamten Adeligen, der aus erbschaftsrechtlichen Gründen als eine Art Concierge alleine in der riesigen Wohnung seiner verstorbenen Großmutter lebt, in der die Zeit stehengeblieben zu sein scheint, und von der magersüchtigen, mit einer bleiernen Kindheit behafteten Camille, die allmählich wieder zu ihrem eigenem Leben zurückfindet.
Noch nie zuvor habe ich mich in einem Buch in diesem Ausmaß wiedergefunden, wie es hier der Fall ist, und das nicht zuletzt deshalb, weil für die Protagonisten dieses wunderbaren Stückchens Literatur ihr eigenes Leben in jenem Moment beginnt, als sie anfangen, es vorbehaltlos zu bejahen, indem sie über ihren eigenen Schatten springen und auf ihr Herz hören – trotz oder – besser gesagt - genau wegen aller Wunden der Vergangenheit.
Unabhängig von den persönlichen Aspekten muss ich anmerken, dass dieser Roman in vielerlei Hinsicht als überaus gelungen zu bezeichnen ist: geschrieben in einer flaumleichten Sprache, ohne in Seichtheit zu stranden, lässt er seinen Figuren warmherzig und frei von Klischees Spielraum; nichts wirkt konstruiert, sondern die Handlung entwickelt sich leichtfüßig und die Erzählweise wirkt niemals moralisierend und dogmatisch, sondern überlässt es der Leserschaft, sich eine eigene Meinung zu bilden. Behutsam wird Schicht um Schicht die Vergangenheit freigelegt, psychologisch schlüssig gewinnen die vier Hauptpersonen mit fortschreitender Dauer der Lektüre an Tiefe und Kontur. Menschen wir wir, mit Fehlern und Schwächen, versuchen, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf zu ziehen und vermitteln die Botschaft, dass für jeden von uns das persönliche Glück sich in Reichweite befindet, sofern man sehenden Auges durch das Leben geht und bereit ist, zu helfen und sich helfen zu lassen. Ob die Handlung frei erfunden ist ? Wer weiß, im Leben ist so vieles möglich ...
Anna Gavalda – Zusammen ist man weniger allein
(Hanser, ISBN 3-446-20612-4)
Auch im französischen Original unter dem wunderbar doppeldeutigen Titel „Ensemble, c’est tout“ in gebundener Ausgabe erhältlich (in Taschenbuchform derzeit nicht lieferbar) !
TheSource meinte am 22. Sep, 16:39:
Hanser
an sich ist Programm. Und zwar hochkarätiges. Mit Verlaß.
walküre antwortete am 22. Sep, 17:06:
Hanser
ist darüber hinaus einer der wenigen verlage, die noch nicht dem übernahmewahnsinn durch verlagskonzerne zum opfer gefallen sind - er befindet sich nach wie vor in familienbesitz ...
TheSource antwortete am 22. Sep, 18:26:
Ja.
In Händen, die wahrhaft etwas vom Fach verstehen *lächelt.