Bedrohte Wörter
Befindlichkeiten
Bilder und Musik
Bücher
Einkaufen
Erinnerungen
Essen & Trinken
Geschichten
Gesellschaft
Kinder
Kleine Lebensweisheiten
Lokale
Luxus
Reisen
Unser Hund
Vom Leben auf dem Lande
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren
null

 

Bedrohte Wörter

Veilchenpastillen. Kennen Sie Veilchenpastillen ? Ich kenne nicht nur das Wort, sondern weiß auch, wie sie schmecken, seit ich vor vielen Jahren in Stuttgart diese entzückenden ovalen Döschen mit dem altmodischen Veilchenbild auf dem Deckel, hergestellt von einer französischen Firma, entdeckt habe. Trotzdem kann ich mich nicht erinnern, wann mir dieses Wort außerhalb meiner vier Wände zuletzt begegnet ist - und dabei klingt es so zart und sanft, gerade wie ein lauer Frühlingshauch, der alle Verheißungen und Hoffnungen des Sommers mit sich führt. Sorglose Schwerelosigkeit liegt darin, ein Spaziergang in einem sonnenbeschienenen blütenübersäten Schlosspark, glänzende Seide und Spitze, unbeschwertes Lachen, das aus der Ferne durch die hohen, alten Bäume dringt, ein scheuer Blick und ein Lächeln. Veilchenpastillen.

„Nachbarin, Euer Fläschchen !“ Zu Goethes Zeit waren Ohnmachten eine alltägliche Sache, und das zitierte Fläschchen enthielt keineswegs eine Spirituose, sondern Riechsalz, welches tiefere Atmung auslöste. Seit sich die Bedeutung geschnürter Korsagen gewandelt hat, fällt frau nicht mehr in kritischen Situationen in eine gnädige Ohnmacht, sondern steht die Sache mehr oder weniger souverän durch. Welches Arrangement das bessere ist, möge an dieser Stelle dahingestellt bleiben, das Wort „Riechsalz“ jedoch ist zu Unrecht in Vergessenheit geraten. In Anbetracht sich beispielsweise in öffentlichen Verkehrsmitteln zeitweise entwickelnder olfaktorischer Desaster wäre ein in der Handtasche befindliches Fläschchen mit einer wohlriechenden kristallinen Substanz durchaus hilfreich, ebenso in Büros und überhaupt überall dort, wo man sich seine Gesellschaft nicht aussuchen kann. Ich plädiere hiermit für eine Renaissance des Riechsalzes und breche auch gleich noch eine Lanze für den Pomander.

Negligé“ ist ebenfalls selten geworden. Dieser Hauch von Nichts, getragen über einem weiteren – dazupassenden – Hauch von Nichts war irgendwann ein Inbegriff verführerischer Wäsche (Erinnert sich jemand an die Szene in „Das Fenster zum Hof“, in welcher der Kinobesucher voyeuristischerweise einen Blick in die Kelly-Bag werfen durfte, um – sofern mit etwas Lebenserfahrung ausgestattet – augenblicklich zu erkennen, welches Versprechen Lisa ihrem Jeff gab ?). Anno 2007 liegt subtile Erotik in den letzten Zügen, und als Totenkleid trägt sie wohl ein Negligé ...

Die ursprüngliche Bedeutung von „Mesalliance“, nämlich als Bezeichnung einer nicht standesgemäßen Liebesbeziehung, ist glücklicherweise nahezu völlig überkommen, das Wort per se gefällt mir aber. Wie wäre es, würden wir es ernsthaft mit neuem Leben erfüllen und in neuzeitlichem Sinn für gekoppelte Faktoren verwenden, die aus einem tieferen ethischen Verständnis heraus nicht gekoppelt sein sollten – beispielsweise Sexualität und Werbung ? Gelegentlich liest man es in ähnlichen Zusammenhängen, allerdings viel zu selten, wie ich finde.

Ach ja, und da wäre noch die Bredouille ... Eine wunderbar melodisch klingende Bezeichnung für eine ziemlich unerfreuliche Lage. Zu umständlich in Wort und Schrift ? Ich bitte Sie, was klingt besser:„Ich bin pleite und die Gläubiger rennen mir die Tür ein.“ oder „Ich befinde mich augenblicklich in einer finanziellen Bredouille.“ ? Na eben.

Obwohl sie schon mehrfach thematisiert wurde, gebe ich der Einfachheit halber hier nochmals die derzeit aktuelle Liste der im „Spiegel“ veröffentlichten bedrohten Wörter wieder:

1. Kleinod
2. blümerant
3. Dreikäsehoch
4. Labsal
5. bauchpinseln
6. Augenstern
7. fernmündlich
8. Lichtspielhaus
9. hold
10. Schlüpfer

Ja, im Großen und Ganzen stimme ich mit der Jury überein, wenn auch mit zwei Einschränkungen: „Dreikäsehoch“ war und ist in der österreichischen Sprache (Sie erinnern sich ? Das einzige, was Österreicher und Deutsche trennt, ist die gemeinsame Sprache !) kein gängiger Begriff. Für ein Kind jener Größenordnung, welche dieser Begriff bezeichnet, benutzte man früher hierzulande „Stoppel“, was in meinen Ohren auch ungleich charmanter klingt als „Dreikäsehoch“. Apropos: Täusche ich mich oder wurde dieser Ausdruck in erster Linie für Jungen (=Buben) verwendet („Stoppel“ meiner Meinung nach übrigens ebenso) ?

Wie auch immer: Ich hege keinerlei Animositäten gegen den Drittplatzierten, wohingegen ich inständigst - um nicht zu sagen: flehentlich – bitte, dem Schlüpfer als Wort Sterbehilfe zu leisten ! Sicher, „Slip“ heißt auch nichts anderes, klingt aber sehr viel zeitgemäßer. Oh nein, ich bin nicht zur fanatischen Erfüllungsgehilfin allgegenwärtiger Anglizismen geworden, sondern erinnere mich mit Schrecken an Versandhauskataloge aus den späten 60er-Jahren, welche sowohl für Damen als auch für Herren (baum-)wollene Ein-Mann-Zelte als „Schlüpfer“ anpriesen, deren Optik alleine schon die Verwendung jedweden Verhütungsmittels obsolet erscheinen ließ. Nicht umsonst ging die Bezeichnung „Liebestöter“ für diese Art von Unterwäsche um ! Elegante (soweit Nylon und Polyester überhaupt als elegant bezeichnet werden können) und „verspielte“ (Doch, damals war dieses Wort ein in diesem Kontext gerne verwendetes Attribut !) Unterwäsche eroberte sich nach und nach die Bezeichnung „Dessous“, und je kleiner die Wäschestücke aus simpler Baumwolle wurden, desto mehr setzte sich der Begriff „Slip“ durch. „Schlüpfer“ gab es nach wie vor, allerdings wurde schnell deutlich, dass die mit diesem Wort angesprochen werden sollende Zielgruppe sich in erster Linie aus Menschen zusammensetzte, die entweder schon sehr, sehr lange jenseits jeglicher Erotik lebten (meine Großmutter beispielsweise) oder aus solchen, für die Kleidung in erster Linie „praktisch“ zu sein hatte (meine Mutter beispielsweise). Habe ich da hinten gerade unterdrücktes Lachen gehört ? Ich für meinen Teil konnte zumindest in meiner Kindheit an dicken, knielangen Unterhosen in Zuckerlfarben mit leicht glänzender Oberfläche nichts Lustiges finden, das können Sie mir glauben ! Aber ja, irgendwann werde vermutlich auch ich über diese Ungetüme lachen, nämlich dann, wenn ich diejenigen von ihnen, welche aufgrund meiner im Volksschulalter eingesetzt habenden Verweigerung noch ungetragen in irgendeinem elterlichen Schrank liegen, als Fetisch verkaufen und damit ähnlich utopische Preise erzielen werde wie gewisse alte Gummi-Regenmäntel, die bei Versteigerungen weggehen wie die sprichwörtlichen warmen Semmeln. Aber bis dahin möchte ich dieses Wort nicht mehr hören und nicht mehr lesen ! Also, BITTE, vergessen Sie „Schlüpfer“ einfach, ignorieren Sie dieses Wort zu Tode und breiten Sie den Mantel des ewigen Schweigens darüber. Mein Dank wird Ihnen gewiss sein.

 

twoday.net AGB

xml version of this page

xml version of this topic

powered by Antville powered by Helma
Creative Commons License
Dieser Inhalt ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.