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Befindlichkeiten

Weil bei uns leider derzeit bei weitem nicht alles so gut läuft wie unsere Ehe, werden der beste aller Ehemänner und ich am Wochenende ein intensives Gespräch anberaumen, um einige Weichen eventuell neu zu stellen.

Fixpunkte auf der Tagesordnung:
  • Beruf 1
  • Beruf 2
  • Immobilienverkauf 1
  • Immobilienverkauf 2
  • Eltern
  • sowie die sich aus diesen Basisthemen ergebenden Verästelungen und Vernetzungen

Das Leben bleibt spannend.

Ich hatte geglaubt, das Schlimmste sei überstanden und die alptraumbehafteten Nächte gehörten weitgehend der Vergangenheit an. Es war ein Irrtum, denn schon wieder kehren angsterfüllte, beklemmende Bilder der Kindheit zurück, mittlerweile auch oftmals mit Szenen aus meinem jetzigen Leben vermischt. So habe ich heute nacht geträumt, ich würde mit dem besten aller Ehemänner ein kleines Mansardenzimmer in Haus meiner Eltern beziehen, eingerichtet mit schäbigem, altem Mobiliar und düster, unbeleuchtet, wahrscheinlich sogar ohne Strom. Draußen kein einziger Sonnenstrahl, sondern Licht wie kurz vor einem schweren Regenguss, drinnen die vor dreißig Jahren zuletzt getünchten Wände und der alte Teppichboden. Kein anderer Mensch zu sehen oder zu hören, keine Verbindung zur Außenwelt.

Nach dem Traum so verkrampft aufgewacht, dass ich mich kurzfristig kaum bewegen konnte. Jeden Knochen einzeln gespürt und die Muskeln und Sehnen eine einzige verklumpte, verhärtete Masse. Als ich die Augen öffne, sitzt der sandfarbene Kater neben mir, beobachtet mich aus großen Augen und maunzt mir ein fragendes Gurren zu.

Es geht schon, irgendwie.

Es wird allmählich wieder. Natürlich habe ich heute an Arbeit aufgeholt, was gestern liegengeblieben ist, und morgen bin ich dann wieder auf dem Stand, den ich von mir selber erwarte.

Den Abend werde ich auf der Loggia verbringen, lesenderweise. Wolf Haas - Wie die Tiere. "Silentium" ist große Klasse, nur: Was mache ich, wenn ich alle Brenner-Krimis gelesen habe ? Mich Kommissar Maigret anschließen, vielleicht. Hm.

Müde. Der Kreislauf mag ausgerechnet heute, am ersten wieder halbwegs normal temperierten Tag nicht mehr. Schwindlig und müde. Dazu merkwürdig übertriebene Geruchsempfindungen, weil Frauen und Hormone und Geruchssinn ja bekanntlich zwischendurch immer wieder mal eine seltsame Allianz eingehen. Und traurig, weil der beste aller Ehemänner gestern schon wieder weg musste. Zu den Tätigkeiten, die ich gestern noch voll Energie geplant hatte, kann ich mich auch nicht aufraffen. So unmotiviert und elend.

Bin ich eigentlich der einzige Mensch, dem, obwohl es sich nur um einen Besuch handelt, entsetzlich davor graut, dorthin zu fahren, wo er geboren und aufgewachsen ist ?

Schlecht und wegen der Hitze zu kurz geschlafen, dann aus dem Bad geläutet worden, später mit dem liebeskummerbehafteten Herrn Hund einen Spaziergang versucht (Herr Hund zieht, immer der Witterung der läufigen Hündin nach, in eine Richtung, ich drehe mich um und gehe in die andere Richtung, um zu signalisieren, dass ich hier das Alphatier bin, und das ganze wiederholt sich ungefähr zehn Mal, bis Herr Hund meine Botschaft verstanden hat.) und festgestellt, dass er sich gleichaltrigen Rüden gegenüber derzeit äußerst halbstark benimmt (beruht aber auf Gegenseitigkeit). Leichte Kopfschmerzen.


Das Erfreuliche:
Tochter kommt demnächst heim - mit einem guten, angesichts des Schulwechsels während des Jahres sogar sehr guten Zeugnis.

Des Morgens weckte mich der liebliche Ruf einer in den strahlendblauen Sommerhimmel aufsteigenden Lerche. Tage, die so wunderbar beginnen, sind ein Geschenk der Götter.

Heute, um halb sechs Uhr früh(!!!) hat mich eine randalierende Alarmanlage brutalst (und völlig unbegründet !) aus dem Schlaf gerissen. Dafür weiß ich jetzt, dass in mir durchaus das Potenzial für einen Amoklauf vorhanden ist; vielleicht ist dieses Wissen ja irgendwann einmal zu etwas nütze ?

Ganz so schlimm wie gestern sehe ich heute nicht mehr aus, aber an meinem Gesicht ist trotzdem noch zu erkennen, dass mir irgendeine in der Luft herumschwebende Substanz nicht gut tut. Dass es Pollen sind, nehme ich an, weil sich mein Zustand bei Regen und generell am Abend und in den Nachtstunden bessert. Vorhin habe ich zum ersten Mal in meinem Leben die Website des Pollenwarndienstes aufgesucht, um festzustellen, dass die angegebenen Pflanzen großteils nicht in Frage kommen, weil ich mit den meisten von ihnen vertraut bin und nie eine diesbezügliche allergische Reaktion feststellen konnte. Die Sache mit den Pilzsporen allerdings stimmt mich nachdenklich, denn einerseits befindet sich der Wienerwald in Gehweite und andererseits gibt es dort, wo ich herkomme, kaum (mehr) Pilze, wohingegen ich hier buchstäblich schon beim Spazierengehen an Schwammerlstöcken vorbeikomme. Soll sein, dann versuch ich halt, die Sache positiv zu sehen und freu mich über die Artenvielfalt ...

Wo findet man eigentlich heutzutage einen Deus ex machina ? Ja, eh, eigentlich müsste er mich finden, aber scheints hat er sich verlaufen oder ist bei jemandem hängengeblieben, bei dem es noch mehr Arbeit gibt als hier bei mir. Schwer vorstellbar, aber was weiß man schon von den Irrungen und Wirrungen der Götter. Sind ja auch nur Menschen, irgendwo. Also, falls dann doch einmal einer hier auftauchen sollte, hätt er eine Menge zu tun. Vor allem müsste er den besten aller Ehemänner und mich aus einer Zwickmühle befreien, die sich immer enger um uns schließt und aus der es nur ein Entkommen gibt, wenn man genug Ar***lochfaktor hat, um sich einen feuchten Dreck um seine Familie zu scheren. Uns fehlt dieser Faktor leider weitestgehend, und deshalb zerbrechen wir uns mindestens dreimal pro Woche die Köpfe darüber, wie wir in diesen und jenen möglichen Szenarien agieren werden/würden und wie man eventuell gewisse Entwicklungen ein wenig lenken könnte. Manchmal komm ich mir ein bissl vor wie ein Ritter, der überlegt, wie er den Drachen überlisten soll, und derweil er noch nachdenkt, hat ihn der Drache schon hinterrücks aufgefressen. Ich bin jedenfalls mittlerweile so weit, dass ich beim Läuten des Handys erschrecke, weil mein Unterbewusstsein auf Hiobsbotschaften programmiert ist. Ein Anruf bedeutet derzeit zu 80% eine neue Unerfreulichkeit, die einmal mehr dort für noch mehr Chaos sorgt, wo es ohnehin schon zuhause ist. Ach ja, die Schulferien stehen auch vor der Tür, und trotz dieser Formulierung darf man nicht davon ausgehen, dass sie sich aussperren lassen. Hätte Herr Dahlmann nicht schon diesen Satz in Verwendung, müsste ICH mein Weblog mit "Irgendwas ist ja immer" untertiteln. Ich möchte aber bitte einmal, dass eine ganze Weile lang NICHTS ist, zumindest nichts, was mir beziehungsweise uns von außen oktroyiert wird. Einfach Friede, die Aufregungen, die dann allerdings überwiegend positiv ausfallen werden, machen wir uns in dieser Zeit (mindestens fünf Jahre - geht das ?) gerne selber.

An manchen Tagen fühle ich mich wie das Kaninchen angesichts der Schlange, wirklich wahr. Das kann es doch nicht sein, oder doch ? Das mittlere Lebensalter wird gerne als "die besten Jahre" bezeichnet. Das Alter hätt ich ja schon, und wenn das jetzt die besten Jahre sein sollen, dann frage ich mich, wann zum Teufel die guten und die besseren waren !

edit: Morgen spiele ich Lotto, mach den Hauptgewinn, nehm mir einen sündteuren Anwalt und lass mich von all jenen Familienmitgliedern scheiden, mit denen es vorwiegend Schwierigkeiten gibt. Wie - "scheiden lassen geht nicht" ? Na gut, dann halt nicht. Den Lottosechser nehm ich trotzdem.

Ich komme vom Land. Dort, sollte man meinen, sei die Vegetation üppig, vielfältig, naturbelassen und überhaupt. Schmarrn mit Quastl, um es diplomatisch zu formulieren ! Auf den landwirtschaftlich genutzten Flächen finden sich jedes Jahr aufs neue die gleichen Pflanzen, in den Auwäldern kann von Vielfalt schon lang keine Rede mehr sein und in den Gärten dominieren kurzgeschnittener Rasen und Unkrautsalz. Im Gegensatz zu Hietzing, denn diese Artenvielfalt, wie ich sie hier am Rande des Wienerwaldes vorfinde, sucht ihresgleichen. Obschon ich botanisch nicht unbedarft bin, gibt es hier Pflanzen, die ich noch nie zuvor gesehen habe.

Leider hat diese üppige Flora für mich einen gravierenden Nachteil. Ich wache nämlich fallweise auf und fühle mich wie das Ding aus dem Sumpf. Ein Blick in den Spiegel zeigt meinen Irrtum auf - ich sehe nämlich eher aus wie Rocky Balboa nach dem Kampf gegen Apollo Creed, als er nach Adrian ruft. Was mir da aus dem Spiegel entgegenblickt, lässt sich beim besten Willen nicht zu Mandelaugen schönreden, die Haut an den Wangen spürt sich an, als hätte ich einen beginnenden Sonnenbrand und die triefende Nase gereicht jedem Winterschnupfen zur Ehre. Ich hab jedenfalls keine Ahnung, was heute wieder in der Luft herumschwirrt, aber mein Körper gibt mir zu verstehen, dass ein kurzer aber heftiger Regenschauer in der nächsten halben Stunde eine feine Sache wäre.

 

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