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zwischen Pubertät und Altersstarrsinn

 

Eltern

Der Brief zu meinen Eltern ist unterwegs. Diplomatisch, aber dennoch unmissverständlich formuliert.
Geschrieben habe ich über meine Bedenken bezüglich der schlechten Infrastruktur in ihrer Wohngegend, angeboten habe ich einen gänzlich von mir organisierten Umzug, angeführt habe ich alle Vorteile, in deren Genuss sie kämen. Mitgeschickt habe ich Kontaktadressen und Telefonnummern in ihrer Umgebung, an die sie sich wenden können, wenn sie eine Haushalts-/Garten-/Einkaufshilfe in Anspruch nehmen wollen.

Es ist das letzte Mal, dass ich mich in dieser Richtung bemüht habe; wenn meine Eltern nicht verstehen wollen, dass, wenn sie so weitermachen wie bisher, sie in absehbarer Zeit bestenfalls nur mehr reagieren statt agieren können, bin auch ich mit meinem Latein am Ende.

Meine Eltern wollen unbedingt bis ans Ende ihrer Tage in ihrem gewohnten Umfeld wohnen bleiben, wogegen ja nichts einzuwenden ist. Sie sind allerdings nicht bereit, zu erkennen, dass diese Möglichkeit umso unwahrscheinlicher wird, je mehr sie sich weigern, Hilfe zu beanspruchen.

Andererseits haben sie beide ihr Leben lang alles verdrängt, was ihnen unangenehm war, weil es Konsequenzen erfordert hätte - insofern ist eine diesbezügliche Veränderung der Lebenseinstellung jetzt im Alter eher unwahrscheinlich.

Wer hier regelmäßig liest, weiß, dass meine Eltern sehr schwierige Persönlichkeiten sind, um den Sachverhalt diplomatisch auszudrücken. Deutlich jenseits der 80, steht es um beider Gesundheit nicht zum besten; die Pointe dabei ist allerdings jene, dass mir nunmehr Dritten gegenüber die Schuld für ihre gesundheitlichen Probleme zugeschoben wird - mit der Begründung, es habe sie so sehr getroffen, dass ich nach Wien übersiedelt bin. Tunlichst verschwiegen wird allerdings, dass bei meinem Vater schon vor dreißig Jahren Herzprobleme diagnostiziert wurden und der Facharzt damals zumindest die Einhaltung einer gemäßigten Diät (nicht zur Gewichtsreduktion, sondern aus anderen, mir nicht bekannten Gründen) empfahl. Meine Mutter verweigerte sofort kategorisch jegliche Veränderung ihrer Kochgewohnheiten, womit das Thema "Diät" ein für allemal ad acta gelegt war. Dass die Herzprobleme eklatanter wurden, zeigte sich schon lange, noch bevor wir überhaupt daran dachten, nach Wien zu ziehen.

Meine Mutter wiederum verweigert jeglichen Arztbesuch, sofern sie noch auf allen Vieren krauchen kann, und wenn dann doch einmal ärztliche Hilfe erforderlich ist, darf diese keinesfalls über die Inanspruchnahme des Hausarztes hinausgehen. Der zwar ein sehr guter Arzt ist, aber dennoch keinen Röntgenblick besitzt, mit dessen Hilfe er feststellen könnte, ob die Schmerzen nach einem Sturz womöglich von einer Fraktur herrühren. Zu den üblichen Alterswehwehchen kommen jetzt logischerweise jene Schmerzen, die von alten Verletzungen stammen, sie bräuchte dringend eine augenärztliche Diagnose (sie sieht extrem schlecht, was meiner Einschätzung nach mit einer altersbedingten Linsentrübung zusammenhängt) und einen HNO-Arzt, weil sie sehr schlecht hört (Sofern da überhaupt noch etwas noch machen ist, weil die Hörschwäche relativ abrupt eingetreten ist, als sie vor einigen Jahren bei einer schweren Mittelohrentzündung notorisch einen Arztbesuch verweigerte.). Medikamente ignoriert sie ebenfalls, ganz egal, ob es sich um Heilpflanzen oder schulmedizinische Substanzen handelt.



Hauptsache, ich bin schuld.

Die verzweifelte, ohnmächtige Hilflosigkeit, welche aus dem kindlich-ausweglosen Ausgeliefertsein an einen launenhaften und unberechenbaren Menschen eruiert, dieses Nichtvertrauendürfen, dieses Fehlen von verlässlicher Geborgenheit wird mir wohl mein ganzes Leben lang im Gedächtnis bleiben.

Sicher fühlen konnte ich mich nur in Gegenwart von Gästen oder auswärts zu Gast, denn bei solchen Anlässen wusste sie die Fassade wohl zu wahren, was aber gleichzeitig auch bewirkte, dass niemand ahnte, was sich hinter den Kulissen abspielte.

Vor beinahe dreißig Jahren
habe ich immer wieder meine Eltern gewarnt,
dass es nicht gut sei,
freundschaftliche Kontakte nicht zu pflegen
und sich kaum für die Verwandtschaft zu interessieren.
Damals wurde ich jedes Mal spöttisch zurechtgewiesen,
wobei man mir deutlich zu verstehen gab,
dass auf solche Dinge ohnehin kein Wert gelegt würde.
Was zähle, sei Arbeit und Geld.

Heute, dreißig Jahre später, ist Arbeit
nur mehr sehr eingeschränkt möglich
und Geld genug vorhanden.
Das Fehlen sozialer Kontakte hingegen
gerät zu einem ausweglosen Debakel.

Über einen Mangel an Impulsen kann ich mich derzeit keinesfalls beklagen - leider handelt es sich vorwiegend um destruktive und sehr belastende.

Mein Leben dreht sich unter anderem um Herzprobleme, genauer um eine Herzinsuffizienz, welche den Einsatz eines Herzschrittmachers erforderlich macht. Dieser Eingriff ist heutzutage keine große Sache mehr, wenn sich allerdings der Betroffene (i.e. mein Vater) bei der Aufklärung durch die Ärzte ernsthaft danach erkundigt, ob er gleich nach der Entlassung aus dem Krankenhaus wieder zwanzig Festmeter Holz verarbeiten könne, ist für mich Schluss mit lustig.

Dann gibt es noch meine Tochter, die regelmäßig dafür sorgt, dass auch in den eigenen vier Wänden kein Friede einkehrt, und meine Mutter, die mit der ganzen derzeitigen Situation hoffnungslos überfordert ist, und zwar nicht zuletzt deswegen, weil sie alles, was mit organisatorischen und technischen Belangen zusammenhängt, grundsätzlich für sich selbst verweigert. Es ist kein Zufall, dass sie nicht einmal das Telefon richtig zu bedienen weiß. Dafür darf ich mir an jenen Tagen, an denen es ihr gelingt, zu telefonieren, anhören, dass ich schuld sei an den Herzproblemen, weil ich ja sooo weit weggezogen bin.

Organisieren kann ich im Endeffekt alles mögliche von hier aus, was allerdings in den Köpfen meiner Eltern vorgeht, damit müssen sie selber klarkommen, und mit den Konsequenzen auch (siehe oben, Stichwort Holz). Schön gesagt, dabei weiß ich genau, dass im Endeffekt wieder alles an mir hängenbleibt, denn Einspruchsrecht habe ich keines, wenn dann aber die Kacke am Dampfen ist, bin ich wieder gerade gut genug. Ich kann wohl kaum meinem Vater verbieten, sich entsprechend zu betätigen, und meine Mutter habe ich all die Jahre immer wieder dahingehend beschworen, dass solche Dinge wie ein Telefon und die entsprechende Nummernverwaltung unter Umständen lebensrettend sein können. Vergeblich.

Die materiell schwerste Last, die ich jemals getragen habe, war ein 50 kg schwerer Hafersack. Ich hatte nur ein paar Schritte damit zu gehen, was mir aber genügte, um zu wissen, dass fünfzig Kilo für mich zuviel sind. Jetzt gerade spürt sich das Ganze aber an, als hätte ich bereits diesen Sack zu tragen und jemand versuchte, mir einen zweiten Sack aufzubürden. Kein gutes Gefühl, wirklich nicht.

Heute früh habe ich den aktuellen Statusbericht vom Krankenhaus erhalten und wollte daraufhin sofort meiner Mutter telefonisch mitteilen, was ich erfahren hatte. Ungefähr jede halbe Stunde wählte ich die Telefonnummer meiner Eltern - ohne Erfolg. Als um die Mittagszeit endlich meine Mutter den Hörer abnahm, bekam ich mit vorwurfsvollem Unterton zu hören, sie habe bereits mehrmals versucht, mich anzurufen, ich sei aber nicht ans Handy gegangen. Da ich aber aus naheliegenden Gründen derzeit mein Handy stets in Hörweite habe und darüber hinaus auf dem Display sehe, ob jemand angerufen hat, dementierte ich, Anrufe von ihr erhalten zu haben. Meine Mutter bestand weiterhin pikiert darauf, mich angerufen zu haben, woraufhin ich fragte, wie sie denn angerufen habe (meine jeweilige Telefonnummer ist im alten Tastentelefon meiner Eltern auf einem seit vielen Jahren fixen Platz als Kurzwahl abgespeichert). Sie antwortete, ebendiese Kurzwahl (hier "xyz" genannt) verwendet zu haben.

Dieser Sache wollte ich auf den Grund gehen und bat sie, mich kurz anzurufen. Nichts rührte sich. Ich rief zurück.

Mutter: Wieso bist du nicht ans Telefon gegangen ?!?
Ich: Weil es nicht geläutet hat. Was hast du denn gewählt ?
Mutter: Naja, die xyz und danach deine Handynummer !

Heute, 8:15:
Während ich im Badezimmer bin, zwei Anrufe in Abwesenheit auf meinem Handy vom Telefon meiner Eltern aus. Mulmiges Gefühl, da dies nicht den Gepflogenheiten entspricht. Sehr mulmiges Gefühl sogar.

8:16
Rückruf; meine Mutter ist am Telefon und teilt mir sehr verstört mit, dass mein Vater gestern nachmittag(!!!) einen Herzinfarkt hatte. Sie ist hörbar verwirrt und meinte, sie hätte meine Handynummer nicht gefunden (die Nummer ist auf dem Telefon meiner Eltern als Kurzwahl abgespeichert) und es müsse sich jemand um den Garten kümmern. Ich versuche, sie zu beruhigen und sage ihr, ich melde mich wieder, nachdem ich Kontakt zum Krankenhaus aufgenommen habe.

8:40
Die für die Intensivstation zuständige Ärztin (Wochenenddienst) ist nicht erreichbar, da auf Visite. Ich möge in einer halben Stunde wieder anrufen.

9:15
Die Ärztin ist noch immer nicht zu sprechen. Nochmal eine halbe Stunde warten.

9:45
In der Zwischenzeit mit Herrn Hund unterwegs gewesen, damit ich bei der Warterei nicht den Verstand verliere. Die Familie harrt daheim bange auf Neuigkeiten, wir stellen uns auf einen raschen Aufbruch nach Oberösterreich ein.
Die Ärztin meldet sich, ist sehr freundlich und kompetent. Noch viel sympathischer wird sie für mich, als sie dezidiert erklärt, es habe sich um keinen Herzinfarkt gehandelt, sondern um eine Störung weit harmloserer Art, die zwar ebenfalls nicht ignoriert werden darf, aber im Verhältnis zu einem Infarkt trotz der fürs erste erschreckenden Symptomatik eine Lappalie darstellt. Mein Vater bleibt noch eine Weile zur Beobachtung, es geht ihm jedoch den Umständen entsprechend gut. Die Erleichterung ist grenzenlos.

9:55
Anruf bei meiner Mutter. Entwarnung und ebenfalls grenzenlose Erleichterung, und fast auf den Augenblick normalisiert sich der Zustand meiner Mutter wieder.


Danke, für heute habe ich genug Aufregung gehabt. Jetzt muss ich erst mal versuchen, wieder einen klaren Kopf zu bekommen.

Als Kind (geschwisterlos, auch von der Wohnlage her sehr isoliert lebend) bin ich von meinen Eltern (die nicht nur vom Alter her meine Großeltern sein könnten) und den fast durchwegs alten Verwandten gnadenlos niedergemacht worden, wenn ich es wagte, eine eigene Meinung zu äußern; um meiner Selbstachtung willen habe ich irgendwann begonnen, mit meinen Ansichten, Wünschen und Träumen hinter dem Berg zu halten. Allmählich wird es Zeit, damit aufzuhören, denn so harmlos kann ein Thema gar nicht sein, dass meine erste Überlegung nach all den Jahren nicht noch immer jene ist, wie wohl meine Umwelt auf dieses und jenes reagieren könnte - und im Zweifelsfall ziehe ich den Kopf ein und versuche, nicht aufzufallen und niemanden zu verstimmen. Bis zur Selbstverleugnung.

Die Mutter erwartete von dem kleinen Mädchen hündischen Gehorsam. Sobald sich das Mädchen, das noch keine sechs Jahre alt war, nicht nach den Vorstellungen der Mutter verhielt, redete diese oft stundenlang, manchmal auch tagelang nur das Nötigste mit dem Kind; am Abend, wenn der Vater nach Hause gekommen war, hörte das Mädchen dann jedes Mal aus der Küche die zornige Stimme der Mutter, die dem schweigenden und zwischendurch zu beschwichtigen versuchenden Vater hinwarf, aus dem Kind werde wohl nie "etwas Gescheites" werden. Manchmal drohte die Frau dem Kind: "Wenn du nicht brav bist, gehe ich fort und komme nicht mehr heim !" Das Mädchen war sich keiner Schuld bewusst und wagte es oft genug kaum, sich frei zu bewegen. Es begann, sich zu wünschen, die Mutter würde ihre Ankündigung wahrmachen.


 

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