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Maria Hofbauer

 

Familienangelegenheiten

Gestern mittags dann eine SMS vom Buchhändler meines Vertrauens, wonach meine Bestellung eingetroffen sei. Hoffen, dass beide Bücher da sind, den schon seit dem Morgen anhaltenden Kreislaufproblemen trotzen, zur Buchhandlung fahren. Gottseidank, beide Titel sind angekommen. Heimfahren, vor lauter Anspannung eine Station zu weit fahren (ist mir noch nie zuvor passiert !), den Rückweg als Schwarzfahrerin antreten, weils zu Fuss zu weit ist und ich jetzt nicht die Nerven habe, ein Kurzstreckenticket zu lösen und auf die nächste U-Bahn zu warten. Ich muss heim, muss lesen, was Sabine Bode über jene Generation zu sagen hat, zu der meine Eltern gehört haben, muss herausfinden, was zu jenen Verhaltensweisen geführt hat, die mein Leben so viele Jahre lang schier übermächtig belastet haben. Muss wissen, woher die Kälte gekommen ist, in der ich aufgewachsen bin, die Lieblosigkeit, die Nichtakzeptanz meiner Persönlichkeit, das Desinteresse an allem, was sich außerhalb des Gartenzaunes abspielte und, wenn es sich nicht ignorieren ließ, die Ablehnung all dessen.

Mit wenigen Unterbrechungen habe ich trotz des anhaltenden massiven Schwindelgefühls das erste Buch - "Die vergessene Generation. Die Kriegskinder brechen ihr Schweigen" - am Abend ausgelesen. Ich finde meine Eltern auf fast jeder Seite in irgendeiner Form wieder, in den Schilderungen der Lebensumstände, der Verhaltensweisen, der gesellschaftlichen Hintergründe - manchmal mehr, manchmal weniger, einmal sogar dermaßen entsetzlich treffend, dass ich, hätte ich Geschwister, mich erkundigen würde, ob eine Schwester oder ein Bruder in dieser Form am Buch mitgearbeitet habe.

Kurz, nachdem ich das Buch zugeklappt habe, schlafe ich halb im Sitzen auf der Couch ein. Als ich eine halbe Stunde später wieder aufwache, ist der Schwindel spurlos verschwunden.

Bei Frau Indica und, wie mir scheint, auch bei der Kaltmamsell ist vor einer Weile eine Buchempfehlung aufgetaucht, in der es einmal mehr um die Nachwirkungen beider Weltkriege, vor allem aber des 2. Weltkrieges, geht, und zwar nicht im historischen Sinn, sondern auf einer sehr persönlichen Ebene. "Die vergessene Generation" heißt das Buch (2004 bei Klett-Cotta erschienen), welches von der Journalistin Sabine Bode verfasst wurde und sich mit jenen Menschen beschäftigt, die als Kinder und junge Menschen den Krieg erlebt hatten und im Alter ihr Schweigen brechen wollten. Im Kontext dieser Empfehlung habe ich gesehen, dass 2009 der Nachfolgeband mit dem Titel "Kriegsenkel" herausgebracht wurde, sodass beide Bücher auf meiner Wunschliste landeten.

Unlängst nun habe ich zwecks Kauf dieser Bücher recherchiert und dabei herausgefunden, dass das aktuelle Buch der Autorin "Nachkriegskinder" heißt und vor allem jene Menschen betrifft, die in den 50er-Jahren geboren wurden und deren Eltern den Krieg aktiv miterlebt haben. Spätere Aufarbeitung der Geschehnisse inklusive der Opfer/Täter-Problematik lag dieser Elterngeneration fern, die meisten der Kriegsteilnehmer haben vielmehr buchstäblich bis ins Grab geschwiegen und verdrängt. Da Verdrängtes jedoch diabolischerweise an anderen Stellen zum Vorschein zu kommen pflegt und nicht selten in lebensfeindlichem Verhalten resultiert, waren und sind die Leidtragenden dieser Verdrängung nicht nur die Verdränger selbst, sondern in hohem Maße deren Familien.

Aufgrund vieler hochgradig befremdlicher Verhaltensweisen meiner Eltern war meine Kindheit und Jugend im Großen und Ganzen ein einziger langer Alptraum (für meine Stammleserschaft ist das nichts Neues), der in abgeschwächter Form bis zum Tod meiner Eltern anhielt; da ich zwar in den frühen 60er-Jahren geboren bin, meine Eltern jedoch bei meiner Geburt vom Alter her schon meine Großeltern hätten sein können, hoffte ich, "Nachkriegskinder" würde manche Ereignisse in meiner Herkunftsfamilie ins Licht rücken und für mich zwar nicht weniger schmerzhaft, dafür aber verständlicher machen. Ich habe mich nicht getäuscht, denn die meisten der Erlebnisberichte der Kinder von Soldatenvätern decken sich weitgehend mit meiner Erfahrung - sowohl, was Kindheit und Jugend angeht als auch die daraus resultierenden Schwierigkeiten im eigenen Leben betreffend. Ich fühle mich verstanden - etwas Besseres kann es für jemanden mit meiner Familiengeschichte gar nicht geben, glaube ich.


[Sollte die Autorin irgendwann zu diesem Eintrag kommen:
Danke, Frau Bode, dafür, dass Sie das Unaussprechliche beim Namen nennen !]

Die beiden anfangs erwähnten Bücher sind ebenfalls bereits bestellt.

Ohne bewusst darüber nachgedacht zu haben, ist mir vorhin eingefallen, wie sich das Verhältnis meiner Eltern untereinander und das zu mir mitsamt der ganzen damit verbunden gewesenen Problematik meiner Kindheit und Jugend auf den kleinsten Nenner bringen lassen kann:

Meine Mutter war für ihr Umfeld emotional unerreichbar,
mein Vater hat sich deshalb um des Verdrängens willen in seine Arbeit gestürzt,
und ich war zwischen den Fronten bis weit ins Erwachsenenalter hinein mit dem ebenso verzweifelten wie sinnlosen Versuch beschäftigt, meine Eltern bei Laune zu halten, gleichermaßen verängstigt durch die depressiven Zustände meiner Mutter und die Wutausbrüche meines Vaters.

Mit dieser Definition kann ich weitgehend problemlos leben, und was noch viel besser ist: Die Wahrheit schmerzt nicht mehr; sie ist vielmehr wie ein Buch der Vergangenheit geworden, aus dem ich zwar für mich selber noch lernen kann, welches ich aber beileibe nicht mehr ständig mit mir herumschleppen muss.

Soeben habe ich erfahren, dass mein Elternhaus nach dem Besitzerwechsel nicht zunächst leersteht, sondern bereits dauerhaft bewohnt wird, und ich freue mich sehr darüber, dass frischer Schwung in das Haus am Waldesrand eingekehrt ist. Den neuen (jungen) Besitzern wünsche ich, dass sie dort unzählige glückliche Stunden verbringen und stets ihre Freude an Haus und Garten behalten mögen !

3 -2 - 1, nicht mehr meins !!!




[Mir fallen in jeglicher Hinsicht Tonnen von Steinen vom Herzen.]

Das Jahr 2011 hat sich anscheinend meine Reklamation zu Herzen genommen und versucht, noch einen positiven Schlusspunkt zu setzen:
Es sieht danach aus, dass mein Elternhaus tatsächlich einen Kaufinteressenten gefunden hat. Bitte Daumen halten, dass er (oder seine Bank) nicht noch aus irgendeinem Grund kalte Füße bekommt !

Am Samstag wache ich um halb sechs auf, eine Stunde später als am Vortag.

Ich fahre spätestens mittags nach Wien zurück, komme, was da wolle !!!

Immerhin kann ich heute Raum für Raum fertigmachen, eine Perspektive, die mir sehr reizvoll erscheint; einen einzigen Angstgegner gibt es dabei allerdings noch, und das ist der große Einbauschrank im Wohnzimmer, in dem ich in etlichen Fächern noch einiges an Papier gesehen habe, darunter auch längst überholte Fachzeitschriften, die ich eigentlich schon gestern entsorgen wollte, wozu aber letztlich die Zeit nicht mehr gereicht hat. Somit weiß ich, wo ich heute anfange ! Leere Riesenklappbox und Rollbrett holen (nach Befüllung kann ich die Box kaum mehr als ein paar Zentimeter heben), Kästen öffnen und stapelweise Papier herausholen. Es fallen mir in die Hände und zum Opfer: besagte Fachzeitschriften, Werbebroschüren aus den 70er-Jahren, Unmengen ungebrauchter Kalender jedweden Formates, unzählige unbeschriebene Notizblöcke (Die bittere Pointe daran ist die Tatsache, dass Notizpapier im Haushalt meiner Eltern allzeit Mangelware zu sein schien; von der Existenz dieser Papierwaren wusste ich überhaupt nichts.), Bedienungsanleitungen für längst defekte oder überhaupt nicht mehr vorhandene Gerätschaft. In diversen Laden befinden sich Fotos, lose oder auch in Alben und Schachteln, und weitere Briefe, aber solche Dinge sichte ich keinesfalls hier im Haus, denn diese Arbeit würde mich mindestens einen halben Tag kosten. Die ersten zwei Boxen mit Deckel füllen sich und kommen zu jenen Sachen, die ich mit nach Wien nehmen werde.

Weil ich grad dabei bin, stelle ich gleich noch ein paar weitere Gegenstände zusammen, die ebenfalls ins Auto verladen werden müssen: ein paar Bilder, einen Stapel neuwertiger Handtücher, die ich im vergangenen Herbst für meine Eltern gekauft habe, zwei Spannleintücher, ebenfalls nie verwendet, ein paar Kisten mit Erinnerungsstücken und Hausrat, das Geschirr und die Lebensmittel, die ich aus Wien mitgebracht habe, einen Korb mit Gmundner Keramik, die Tasche mit meiner Kleidung, die Schmutzwäsche.

Als es schon hell geworden ist, gehe ich wieder mit Herrn Hund eine Runde – mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Mich beschleicht der Gedanke, dass es eigentlich grotesk ist, das Haus jetzt, wo es nach Jahrzehnten zum ersten Mal wirklich aufgeräumt wurde, zu verkaufen. Nein, kein Zweifel an der Richtigkeit meines Tuns, sondern echter Sarkasmus.

Herr Hund frühstückt, ich selber räume währenddessen das Schlafzimmer auf, ziehe die Bettwäsche ab, drapiere die Vorhänge, lege die Tagesdecke übers Bett. Freundlich sieht der Raum in der Morgensonne aus.

Im Wohnzimmer befindet sich mittlerweile nichts mehr in den Schrankfächern, was ich noch nicht gesichtet habe; was noch herumliegt, gehört entweder wieder an seinen Platz oder zum Müll oder ins Auto, und so wird binnen weniger Minuten aus einem chaotischen Zwischenlager ein Wohnzimmer, das diese Bezeichnung auch verdient. Aus dem Bad habe ich gleich noch in der Früh meine Toiletteartikel entfernt, sodass nur mehr die Küche bleibt, in welcher sich naturgemäß jetzt die restlichen Kisten und Körbe stapeln. Angesichts der Menge an mitzunehmenden Dingen wird mir etwas mulmig, unser Wagen entpuppt sich jedoch einmal mehr als Raumwunder, das zu guter Letzt aussieht wie ein Kleinbus südosteuropäischer Provenienz. Zum Herrn Hund in den Kofferraum stelle ich garantiert nichts, weil die Verletzungsgefahr für ihn im Fall eines Bremsmanövers zu groß wäre, also findet auch das kleinste Fleckerl noch Verwendung als Stauraum, und die Sicherheitsgurte dienen dazu, Klappboxen und Schachteln festzuhalten.

Es ist später Vormittag geworden. Was noch zu tun bleibt, ist, eine Runde mit dem Staubsauger zu drehen, damit der erste Eindruck für Kaufinteressenten ein guter bleibt. Ich verstaue den Herrn Hund im Auto, hole meine Handtasche, gehe noch einmal durch die Räume im Erdgeschoß und ziehe dann die Haustür hinter mir zu. Das vertraute Geräusch des Schlüssels im Schloss, die Treppe, die paar Schritte zum Wagen im herbstlichen Sonnenlicht.

Während der gesamten Rückfahrt schwanke ich zwischen grenzenloser Erleichterung und großer Traurigkeit.

Das Altpapier sammelt sich kistenweise im Hausflur. Mittlerweile ist es hell geworden, und so verwandle ich mich in eine halbwegs salonfähige Erscheinung, gehe mit Herrn Hund eine Runde an der frischen, kalten Luft, gebe ihm Futter und koche mir danach einen Tee. Essen mag ich nichts, zumal meine Cousine mittags vom Bäcker an ihrem Arbeitsort ein paar Stücke Plundergebäck und zwei Pizzaweckerl mitnehmen wird. Nach und nach sind zwei weitere Müllsäcke voll geworden, die ich noch zu den anderen zweiundzwanzig stelle, wobei ich hoffe, dass die Müllmänner nicht aus Gewohnheit einfach vorbeifahren; während ich noch darüber sinniere, was ich in diesem Fall tun könnte, sehe ich den Müllwagen schon die Straße entlangfahren und sich mit Schwung einbremsen. Sogar der Fahrer springt aus dem Auto und hilft den beiden Müllmännern, die Säcke ins Auto zu wuchten. Mir kommt vor, noch selten ein schöneres Geräusch gehört zu haben ... es bleibt alleine die leere Mülltonne zurück. So, und heute haben wir dann „nur“ mehr jene Dinge übrig, die ins Altstoffsammelzentrum gebracht werden: Sehr viel Altpapier, verrostete Keksdosen aus Metall, ein wenig Alteisen, zerbrochenes Plastik, ein paar kaputte kleine Elektrogeräte sowie einige Teller, die untrennbar mit den Jausengewohnheiten meiner Eltern verbunden sind und die ich entgegen meiner ursprünglichen Überlegung nicht meinem Haushalt einverleiben möchte.

Gerade als ich mit den Papiersachen fertig bin, kommt meine Cousine, die ebenfalls an diesem Tag noch nicht zum Frühstücken Zeit gefunden hat, und so gibt es Kaffee und Pizzaschnitten. Die interessanteren Fundstücke vom Dachboden habe ich natürlich aufbehalten, um sie meiner Cousine zu zeigen und sie mit ihr zu teilen; nachdem wir damit fertig sind, stellen wir eine große Fuhre fürs ASZ zusammen und entsorgen kisten- und säckeweise Relikte aus –zig Jahren. Im Großen und Ganzen bin ich recht zuversichtlich gestimmt, doch dieser Zustand wird sich schnell ändern, und zwar beim weiteren Räumen des Dachbodens, einer Aufgabe, die wir am Nachmittag angehen. Es stellt sich nämlich heraus, dass in der großen Schachtel noch viel mehr Papier liegt als ursprünglich angenommen, Papier, welches ebenfalls erst durchgesehen werden muss, darüber hinaus finden sich am Dachboden noch Schachteln mit alten Schuhen, kaputten Zierpuppen und ein paar zunächst undefinierbaren Relikten. Der Dachboden wird zur Büchse der Pandora, deretwegen ich meine ganze Planung den Bach hinunterschwimmen sehe. Als auch noch meine große Schultasche aus der Volksschulzeit auftaucht, selbstverständlich auch sie gefüllt mit alten Schulheften und völlig verdreckt, beginne ich psychisch aus dem Ruder zu laufen. Ich friere, bin völlig übermüdet und möchte nur mehr weg von hier; am liebsten würde ich mich weinend in eine Ecke kauern oder wahlweise hysterisch herumschreien und dabei Fensterscheiben einschlagen oder aber am besten beides abwechselnd.

Meine Cousine erkennt sofort den Ernst der Lage, muntert mich mit immer erfreulicher werdenden sarkastischen Statusmeldungen aus der Dachbodenhölle auf - und plötzlich gibt es wirklich nichts mehr zum Herunterräumen. Wir packen ein zweites Mal an diesem Tag alles zusammen, was ins ASZ gehört, kommen dort zehn Minuten vor Torschluss an und sind eine Minute vor Torschluss wieder weg, nachdem wir unter anderem mit Schwung die Jausenteller in Scherben verwandelt haben: Psychohygiene pur und perfekter Aggressionsabbau.

Da sich noch etliche Stapel Altpapier ansammeln werden, erklärt meine Cousine von sich aus, ich solle, was noch bleibt, einfach im Flur stehen lassen, damit sie es in den kommenden Wochen nach und nach entsorgen könne. Wir sichten noch die restlichen Papierfunde aus dem Dachboden, dann ist es bereits zehn Uhr abends und ich beschließe, meine Cousine heim zu ihrer Familie zu schicken. Nachdem auch die Kartons mit jenen Gegenständen, die sie für sich selber mitnimmt, aus dem Haus entfernt sind, schaut die Lage plötzlich unerwartet erfreulich aus, und ich erlange sehr schnell einen Überblick über die noch durchzuführenden Arbeiten. Eine Weile räume ich noch herum, dann gehe auch ich schlafen.

Es ist, als hätte ich geahnt, dass ich das Inventar selber durchsehen muss, um zu verhindern, dass Privates in falsche Hände gelangt, denn schnell entdecke ich, dass nicht nur Korrespondenz aus der Jugendzeit meiner Eltern zum Vorschein kommt, sondern auch viele andere Briefe, die sie erhalten haben, darunter Grußkarten und andere Schreiben aus meiner Feder. Die Briefe wandern weitgehend ungelesen ins Ofenfeuer, auch meine, denn ich möchte nicht in dieser Form nochmals in der Vergangenheit wühlen. Ein Brief, den meine Mutter während eines Krankenhausaufenthaltes meines Vaters an diesen geschrieben hat, weckt allerdings meine Neugier. Mit wachsendem Erstaunen lese ich da, dass sie meinen Vater vermisst, sich auf seine Heimkehr freut und ich (damals gerade ein paar Monate alt) bis dahin ihre einzige Freude bin, weil ich so ein fröhliches und liebenswertes Kind sei. Sie verwendet für mich einen italienischen Kosenamen, an welchen ich mich erinnere, den ich jedoch nur als Kleinkind von ihr gehört habe, und wäre die Schrift meiner Mutter nicht unverwechselbar gewesen und bestünde auch nur der geringste Zweifel an der Authentizität dieses Schreibens, würde ich sagen, es müsse sich um einen Irrtum handeln. Diese Worte stammen keinesfalls von jener verbitterten, depressiven Frau, die meine Kindheit auf weiten Strecken zu einem Alptraum gemacht hat, sondern von einem positiven Menschen, genauso wie ein Antwortbrief meines Vaters. Die Menschen, um die es hier geht, sind zweifellos eine glückliche junge Familie und kein Ehepaar, das im kalten Krieg lebt und seine einzige Tochter in diesem Drama zu einer traurigen Statistin degradiert ...

Beim weiteren Räumen habe ich viel Zeit zum Nachdenken, und allmählich komme ich zwischen Weihnachtskarten, die mein Vater in den 70ern beruflich erhalten hat, Versandhauskatalogen aus ebenjener Zeit, zerfledderten Jugendzeitschriften aus den 50ern, ein paar zu Recht in Vergessenheit geratenen religiösen Schriften und Romanen zweifelhafter geistiger Provenienz zu einer Überlegung, die sich in die Geschichte meiner Eltern einfügt wie ein Schlüssel ins passende Schloss:
Meine Taufpatin war eine Tante meiner Mutter, jedoch nur wenige Jahre älter als diese und das, was man unter einen wirklich guten Freundin versteht; obwohl zwischen den Wohnorten der beiden Frauen weit über zwanzig Kilometer (eine große Entfernung in den 60er-Jahren, vor allem ohne Pkw !) lagen, hatten sie sich regelmäßig getroffen. Ich kann mich an intensive nachmittägliche Gespräche in der Wohnküche meiner Eltern erinnern, und auch, wenn ich damals noch zu klein war, um zu verstehen, worum es ging, begriff ich doch, dass da zwei Menschen saßen, die einander viel zu sagen hatten. Meine Taufpatin verstarb an Krebs, als ich noch nicht einmal zur Schule ging; meine letzte Erinnerung an sie besteht aus dem Eisengestell eines von Verwandten umstandenen Krankenbettes im Spital, darüber auf einer weiß bezogenen Matratze eine knochige gelbe und sichtlich kraftlose Hand. Wenige Tage später war die beste Freundin meiner Mutter tot, was meine Mutter sehr wahrscheinlich in eine tiefe Depression stürzte. Mein Vater hätte ihr vermutlich helfen können, absolvierte aber zu dieser Zeit einen großen Karrieresprung mit vielen Überstunden und arbeitsintensiven Fachkursen, sodass meine Mutter menschlich auf der Strecke blieb. Ein Sprung in der Beziehung entstand, der im Laufe der Jahre irreparabel werden sollte, wobei ich weder meinem Vater noch meiner Mutter eine Alleinschuld zuweisen möchte, denn meine Mutter war vermutlich nicht in der Lage, ihre Ängste und ihre Trauer in Worte zu fassen und mein Vater wiederum gehörte zu jenen Menschen, die Liebe fast ausschließlich dergestalt zeigen, dass sie ihre Familie finanziell gut versorgen. Ein Teufelskreis des gegenseitigen Unverständnisses, denn materielle Dinge waren meiner Mutter bei weitem nicht so wichtig wie meinem Vater; sie wollte menschliche Zuwendung, mein Vater Anerkennung für sein Tun – und beiden blieben ihre Wünsche an den Partner versagt.

Während ich noch solchen Gedanken nachhänge, trifft mich fast der Schlag, als ich sehe, dass meine Eltern sämtliche(!) Schulhefte aus meiner Volksschul- und Unterstufenzeit aufbehalten haben. Und ich Schaf dachte immer, die Hefte seien – wie alles Papierene zur damaligen Zeit, in der es noch keine Altpapiersammlung gab – im Herdfeuer gelandet ... Was mich beinahe noch mehr erschreckt, ist meine winzigkleine kindliche Handschrift; kein Wunder, dass ich große Schwierigkeiten hatte, die Zeilen mit meiner Schrift auszufüllen, wie es schulische Vorgabe war. Ich wundere mich folgerichtig auch nicht mehr, als ich meine Schulzeichnungen aus dieser Zeit finde, bin aber unangenehm berührt angesichts der Tatsache, dass kein einziges der Gesichter auf den Bildern lächelt oder gar lacht. Ernst bis traurig schauen sie alle – ein Spiegel jener Gefühle, die meine Kindheit und frühe Jugend überschattet haben.

Ich muss fertig werden, um dieses Kapitel endlich zu einem Ende zu bringen !

Von erholsamem Schlaf in der Nacht auf Donnerstag kann überhaupt keine Rede sein, ebenso wie ich die Nächte davor nur sehr schlecht geschlafen habe, weil immer die Angst vor der Fahrt einerseits und andererseits die Befürchtung da waren, ich würde mit der Endräumung meines Elternhauses nicht fertig werden und müsste zwangsläufig beim Entrümpeln sozusagen in die Verlängerung gehen, unabhängig davon, wie sich das Wetter entwickelt, je weiter der Herbst fortschreitet. Meinen Proviant (ich möchte nicht vor Ort einkaufen müssen, aus Zeitgründen und auch, weil ich kein Interesse habe, irgendwelchen flüchtigen, mit zu großer Neugier ausgestatteten Bekannten zu begegnen) und meine Kleidung habe ich schon am Vortag gepackt und ins Auto geräumt, die noch hier im Keller gelagert gewesene Kleidung habe ich nochmals gesichtet und dabei festgestellt, dass vieles davon bei genauer Betrachtung nicht mehr, wie ursprünglich gedacht, für die Altkleidersammlung taugt, und nichts davon mehr zum Verkaufen. Was noch verwendbar ist, habe ich in Säcke gepackt, um es nach Oberösterreich mitzunehmen und dort mit den noch im Haus befindlichen restlichen Kleidungsstücken der Rumänienhilfe zukommen zu lassen, weil mich der Gedanke sehr erschreckt, plötzlich hier in Wien jemanden zu sehen, der Kleidung trägt, die eindeutig meiner Mutter zuzuordnen ist.

Duschen, mit Herrn Hund die Morgenrunde gehen und ihn füttern, in der Wohnung nach dem Rechten sehen, noch eine schnelle Tasse Tee trinken, den Herrn Hund ins Auto packen, auf gehts. Nach dem Zwischenstopp an der Tankstelle tief durchatmen und hoffen, dass alle benötigten Schutzengel bei uns sind. Der Herr Hund verschläft fast die ganze Fahrt, die aber ohnehin unerwartet ruhig verläuft: trockene Fahrbahn, verhältnismäßig wenig Schwerverkehr, ziemlich disziplinierte Autofahrer. Am späten Vormittag bin ich am Ziel, doch bevor ich zum Haus fahre, mache ich noch einen Abstecher zum Gemeindeamt, um die bestellten Müllsäcke, bei denen die Gebühr für die Müllabfuhr bereits inbegriffen ist, abzuholen. Die Sekretärin begrüßt mich freundlich wie immer; sie gehört zu jenen Einheimischen, die ich vermissen werde, weil sie ein sehr angenehme Person ist und vom menschlichen Aspekt abgesehen kompetent und nie um Problemlösungen verlegen.

Das Haus macht einen sehr guten Eindruck. Der Gärtner hat den Sommer über gewissenhaft gearbeitet, die Reparaturen sind ebenfalls vollständig durchgeführt, und der wachsame Blick meiner Lieblingscousine hat dafür gesorgt, dass auch im Haus selber alles in Ordnung ist. Grundsätzlich jedenfalls, wenn man von all jenen Dingen absieht, die noch in den Schränken, Kästen und am Dachboden lauern und vor denen es mich gruselt, weil ich nicht weiß, was da noch alles zum Vorschein kommt. Mumifizierte Mäuse scheinen mir da noch das kleinste Übel zu sein ...

Eine mittlere Hunderunde, danach ein Kontrollgang durch den Garten und die Nebengebäude, in denen ich glücklicherweise nichts mehr zu tun habe. Eine große Tasse Tee zum Aufwärmen. Den großen Küchenherd einzuheizen spürt sich sehr seltsam an, wenn kein türkischer Morgenkaffee für meinen Vater zuzubereiten ist. Eine Bestandsaufnahme ergibt, dass Keller und Obergeschoß tatsächlich schon fertig geräumt sind, obwohl ich davon ausgegangen war, noch irgendeine Ecke vergessen zu haben. Der Dachboden kommt morgen dran, mit Hilfe meiner Cousine, die heute zwar noch kurz vorbeischaut, aber erst morgen mehr Zeit hat; was sie allerdings heute mitnehmen wird, ist die Kleidung für die Rumänienhilfe, wofür ich ihr sehr dankbar bin, weil sie mir damit einen längeren Weg erspart, also werde ich heute sämtliche noch vorhandene Garderobe sichten und vermottete sowie anderweitig unbrauchbare Kleidung gleich in die mitgebrachten Müllsäcke stopfen, damit die Müllabfuhr sie morgen mitnehmen kann.

Zwei Garderobenkästen, ein großer Schlafzimmerschrank, eine Spiegelkommode, zwei Nachtkästchen. Klingt nach viel, ist viel, dennoch geht mir die Arbeit schnell von der Hand. Ich muss fertig werden, um dieses Kapitel endlich zu einem Ende zu bringen ! Als ich zwölf Müll- und vier große Altkleidersäcke später wieder auf die Uhr sehe, dämmert es bereits. Herr Hund und ich gehen eine Runde zum Auslüften, wobei ich ohnehin schon seit Stunden den Eindruck habe, zehn Meter gegen den Wind zu müffeln. Eine Weile wird es noch dauern, bis ich mit dem Sichten der Kleidung fertig bin; zurück im Haus überlege ich während des Sortierens, was als nächste Arbeit sinnvoll wäre und entscheide, die noch nicht durchgesehenen Schrankfächer und Regale auf expliziten Müll hin zu durchsuchen, damit auch dieser morgen abgeholt werden kann. Viel zu suchen brauche ich nicht, und als am Abend meine Cousine kommt, kehrt auch meine volle Motivation zurück. Nach einer Tasse Tee räumen wir zunächst die Kleidersäcke in ihr Auto, danach fegen wir wie die Furien durch die restlichen Küchenschränke, um auf noch mehr Müll in Form etlicher vergammelter Lebensmittel zu stoßen. Neue Erkenntnis: Lachen hilft gegen Übelkeit, selbst dann, wenn das Lachen von einer grotesk-skurrilen Situation herrührt. Überhaupt: Ich wüsste nicht, mit wem sonst ich diese Arbeit durchstehen könnte, denn einerseits sind meine Lieblingscousine und ich alt genug, um in gewisser Weise über manchen Dingen zu stehen, andererseits verfügen wir über genug Empathie, um einander gegenseitig notfalls sogar ohne Worte unter die Arme greifen zu können. Die menschlichen Qualitäten meiner Cousine werden mich am nächsten Tag folgerichtig daran hindern, den ganzen Krempel hinzuwerfen und einen richtig opulenten, bühnenreifen Nervenzusammenbruch zu bekommen, aber davon weiß ich zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise noch nichts.

Nach dem Befüllen des 22. Müllsackes beschließen wir, für heute Schluss zu machen, was dergestalt aussieht, dass wir alle 22 Säcke sowie die Mülltonne zur Grundstücksgrenze schleppen, von wo die Müllabfuhr sie morgen hoffentlich auch dann mitnimmt. Eine Zwischenbilanz ergibt ein erfreuliches Ergebnis, was den Fortschritt der Arbeit angeht, und weil sich mittlerweile trotz der Anspannung auch mein Magen meldet, wärme ich mir eine Dose Erdäpfelgulasch und stelle beim Blick aus dem Fenster einmal mehr fest, dass ich die dichte Dunkelheit ums Haus als beängstigend und erdrückend empfinde.

Während ich allmählich ruhiger werde, räume ich noch ein paar Sachen zur Seite und gehe dann ins Bad; der Herr Hund beobachtet mich vom Flur aus. Plötzlich höre ich ein seltsames Geräusch, das klingt, als würde sich jemand an der hölzernen Haustüre zu schaffen machen. Es ist eine halbe Stunde vor Mitternacht, draußen ist es stockfinster und ich verfüge weder über eine Stich- noch über eine Feuerwaffe, sondern nur über den Herrn Hund, mein Handy und eine Stabtaschenlampe. Daran, dass sich im äußeren Flur noch ein selbstgebauter hölzerner Schlagstock befindet (meinem Vater war das entlegene Haus im fortgeschrittenen Alter offensichtlich ebenfalls nicht mehr geheuer), denke ich in diesem Augenblick nicht mehr. Herr Hund, der sonst schon anschlägt, wenn jemand den großen Garten betritt, zeigt sich wenig interessiert, sodass ich meinen ganzen Mut zusammennehme und vorsichtig den äußeren Hausflur betrete – um festzustellen, dass das Geräusch nicht von dort kommt. Soweit, so schlecht, denn so bleibt nur das Obergeschoß, eine Perspektive, die für mich ausgesprochen angstbesetzt ist, weil in meiner Kindheit sich schon einmal jemand dort eingeschlichen hatte, den meine Mutter aber glücklicherweise rechtzeitig entdeckte. Ich schnappe mir also den Herrn Hund, das Handy für einen allfälligen Polizeitnotruf und die große Taschenlampe als Schlagwaffe und steige vorsichtig die Stiege hoch, um in Miami-Vice-Manier jeden Raum zu durchsuchen, wobei mein Adrenalinspiegel ausreichen würde, um es mit einer kompletten Räuberbande aufzunehmen. Im letzten Raum ist das Geräusch am lautesten zu hören, allerdings ist dort weder Mensch noch Tier zu sehen. Ich horche weiter und komme zu dem Schluss, dass sich wahrscheinlich unter dem Vordach ein Marder, eine Maus oder ein anderes nachtaktives Tier herumtreibt, was auch erklären würde, dass das Geräusch zunächst von draußen zu kommen schien. Erleichtert begebe ich mich wieder ins Erdgeschoß, aber an Schlaf ist trotz großer Müdigkeit nicht zu denken. Ich liege noch eine ganze Weile wach, fröstle trotz Trainingshose, Pullover und dicker Socken vor mich hin und als ich endlich einschlafe, währt die Erholung nur kurz, denn schon um halb fünf Uhr morgens schaue ich wieder auf meine Handyuhr. Der müde Teil meiner selbst meint, ich solle noch ein wenig schlafen, der pragmatische meint, wenn ich schon wach bin, kann ich auch gleich aufstehen. Ich muss fertig werden, um dieses Kapitel endlich zu einem Ende zu bringen ! Also aufstehen, das Herdfeuer wieder schüren und überlegen, was ich jetzt tun könnte.

Ich beschließe, mich ans Sichten jener Unterlagen zu machen, die wir bereits bei der bislang letzten Räumaktion dem Dachboden entrissen haben. Drei Mal haben wir die King-Size-Klappbox gefüllt, die das Vierfache einer herkömmlichen Klappbox zu fassen in der Lage ist; ein Teil der papierenen Fundstücke ist stark verstaubt, sodass ich ohne Staubtuch gar nicht anzufangen brauche. Angesichts der Menge von Material beginne ich leicht meine Fassung zu verlieren, aber es nützt nichts: Wenn ich fertig werden will, muss ich den Kampf gegen die Zeit aufnehmen.

 

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