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zwischen Pubertät und Altersstarrsinn

 

Geschichten

Dieser Tage ist ein Brief einer deutschen Anwaltskanzlei, die sich auf Erbenermittlungen spezialisiert hat, im Briefkasten gelegen. Darin wurde um Auskunft gebeten, ob man mit einer bestimmten Person verwandt sei, deren Name, Geburtsdatum und Geburtsort angegeben waren. Nachdem meine Recherche ergeben hatte, dass es sich bei dieser Kanzlei um ein seriöses Unternehmen handelt, habe ich mit der Hüterin der Familiendaten (fünf bis sechs Generationen), meiner Schwiegermutter, Kontakt aufgenommen - und dort leider erfahren, dass ein verwandtschaftliches Verhältnis völlig ausgeschlossen ist. Schade zwar - aber ein paar Minuten Nervenkitzel waren auch nicht schlecht.

Die Lebensgeschichte der gesuchten Person allerdings würde ich nur zu gerne kennen.

Heute früh stand bei mir nach einer Nacht mit merkwürdigen, wirren Träumen ein etwas ausgiebigerer Badezimmeraufenthalt auf dem Programm, um doch noch einen positiven Einstieg in den Tag zu finden. Die Tochter war schon in der Schule, mein Mann noch im Wohnzimmer und im Begriff, in die Firma aufzubrechen. Ich verabschiedete mich von ihm; bevor ich ins Bad ging, steckte ich noch mein Handy in der Küche ans Ladegerät, statt es, wie sonst üblich, neben der Badezimmertüre auf die Kommode zu legen, um eventuelle Anrufe zu hören.

Die lange Dusche tat gut, die Wärme beim Haarefönen ebenfalls, und als ich nach ungefähr einer halben Stunde wieder aus dem Bad kam und nachsehen wollte, wie weit das Handy schon aufgeladen war, stand auf dem Display, dass da 13 Anrufe in Abwesenheit gewesen waren. Von meinem Mann. Nach einer Schrecksekunde (Unfall ???) rief ich ihn zurück, um zu hören, er stünde vor der Haustür, weil er beim Verlassen des Hauses erst bemerkt habe, dass er seinen Schlüsselbund (den er auf Reisen nie dabei hat und an welchem unter anderem Firmenschlüssel hängen) vergessen hatte ... Die Türglocke befand sich zu allem Überfluss auch noch im Schlafmodus, nämlich in unserem: Sie wird nachts immer ausgeschaltet. Verkettung unglücklicher Umstände nennt man das, glaube ich.

Wien, eine U-Bahn-Station in einem der inneren Bezirke. Bei den Treppen steht eine Gruppe von fünf oder sechs jungen Menschen, deren äußere Erscheinung darauf schließen lässt, dass sie in ihrem bisherigen Leben noch nicht viel Gutes erfahren haben. Einer von ihnen, ein Mann in einer Art grünen Nato-Jacke, ist sichtbar durch Drogen beinträchtigt; er hat einen starren Blick, sehr langsame Bewegungen und kämpft beim Sprechen um eine verständliche Ausdrucksweise. Die Stimmung in der Gruppe ist gereizt und befindet sich knapp vor jenem Punkt, an welchem sich entscheidet, ob der Disput erlischt oder in Handgreiflichkeiten ausartet.

Als ich um die Gruppe herumgehe, um zur Treppe zu gelangen, sehe ich neben dem Mann eine junge, fast noch kindlich wirkende Frau stehen. Mittelgroß, zierlich, mit rotblondem, halblangem, leicht gelocktem Haar und sehr heller Haut, gekleidet in einen ebenfalls hellen Mantel, unauffällig. Rein optisch passt sie überhaupt nicht zu dieser Gruppe, steht am Rand der kleinen Ansammlung, halb zum Gehen gewandt, wortlos. Sie beobachtet den Mann aus großen dunklen Augen und berührt dann, ohne zu sprechen, mit einer grazilen Bewegung, die an den Flügelschlag eines Schmetterlings erinnert, seinen Oberarm.

Soeben hat der beste aller Ehemänner, als er während des Essens ein berufliches Telefonat entgegennahm, unabsichtlich sein Handy elegant in der Suppenschale versenkt. Glücklicherweise war diese aber nur mehr zu einem Drittel voll und mit Hilfe von Küchenpapier sowie Fön haben wir das Teil wieder zum Laufen gebracht. Jetzt telefoniert M. gerade und ich verbeiße mir das Lachen ...







*kicher* *glucks* *prust*

Eine der Routen, die Herr Hund und ich regelmäßig gehen, führt uns an einem Exemplar der rar gewordenen Telefonzellen vorbei. Im Großen und Ganzen ist eine solche Einrichtung ja nichts Aufregendes und auch der Alltag einer Telefonzelle scheint eher langweilig zu sein, aber unlängst, an einem Wochenendmorgen, wurden Herr Hund und ich Zeugen einer Szene, die wahrscheinlich einen der Höhepunkte im Leben einer solchen Einrichtung darstellt.

Schon, als wir uns der Telefonzelle näherten, sah ich einen Mann darin stehen, dessen für mich erkennbare Kleidung trotz der herrschenden Kälte aus Trenchcoat, Pyjamahose und Hauspantoffeln (ohne Socken) bestand; unüberhörbar unternahm er der Versuch, mit einer Frau am anderen Ende der Leitung ein Gespräch zu führen, was in etwa klang wie folgt:

Erika*, hör mir bitte einmal zu ! ..... EEEEERIKA, würdest du mir bitte zuhören ??? ..... ERIKA !!! EEEERIKA, HÖR MIR ZU !!! ..... HÖR. MIR. ZU !!! ..... Erika, du hörst mir nicht zu !!! ..... Warum hörst du mir nicht zu ?!? ..... ERIKA !!!!!

Ich gebe unumwunden zu, dass ich gerne stehengeblieben wäre, was aber dann doch mit meinen Prinzipien nicht vereinbar war, also ging ich langsam weiter, während noch eine ganze Weile die zumindest fürs erste vergebliche Bitte um Gehör hinter mir in allen Abstufungen von erzürnt bis flehend ertönte.


*Name von mir geändert

Wir bekommen heute Besuch aus Dresden, der ein paar Tage hier in Wien bleiben wird. Der Zug hätte um kurz nach achtzehn Uhr ankommen sollen, eine halbe Stunde vorher kam jedoch ein Anruf unseres Gastes, dass der Zug an der tschechisch-österreichischen Grenze stünde und deshalb Verspätung habe. Vorhin hat sich M. auf den Weg zum Bahnhof gemacht, um H. abzuholen, und dort erfahren, dass der Zug noch immer steht, weil sich ein Selbstmörder vor den EC geworfen hat.

Die U-Bahn stadtauswärts ist um diese Uhrzeit voller Menschen. Ich ergattere mit meinem Bücherpaket gerade noch einen Fensterplatz; gegenüber sitzt ein junger Mann, höchstens zwanzig, mit lockigem Haar und sehr glatter, heller Haut. Auf den ersten Blick sieht er ein wenig aus wie Jim Morrison. Mir fällt sofort der Geruch auf, der von ihm ausgeht: Alkoholdunst, aber kein frischer, sondern abgestanden, ein Geruch wie in einem Raum, in dem jemand nach dem Konsum sehr vieler harter Getränke bei geschlossenen Fenstern geschlafen hat. Der Mann döst, während ich mit meinen Erinnerungen kämpfe, mit Geistern der Vergangenheit, die mir Bilder voll Tränen und Verzweiflung vorhalten. Dornig ist der Weg bis zu jenem Punkt, an welchem man zu begreifen beginnt, dass es unmöglich ist, einen Menschen aus einer wie auch immer gearteten Drogenabhängigkeit zu befreien, solange dieser Mensch sich der Erkenntnis verweigert, wie seine Irrfahrt enden wird.

Als er die Augen aufschlägt, erschrecke ich, als hätte ich nicht geahnt, was ich sehen würde: Sein Blick ist hart und voller Verachtung für seine Umwelt, zugleich aber sind seine Augen die Augen eines Kindes, traurig und doch hoffend. Es sind gefährliche Augen mit einem Ausdruck, an dem ich Menschen zerschellen gesehen habe, weil sie von dieser seltsam kindlichen Hilflosigkeit und Weichheit, gepaart mit einer eisigen Ausstrahlung, bis zur Selbstaufgabe angezogen wurden. Hörigkeit. Männer dieses Schlages können Frauen vernichten. Zuerst abgrundtiefe, bedingungslose Zärtlichkeit, einmal mehr die Hoffnung auf Errettung durch die neue Partnerin, dann der Absturz, weil der Alltag seinen Tribut fordert und der Mann - ebenfalls einmal mehr - mit seiner eigenen Unfähigkeit konfrontiert wird.

Er sitzt wieder mit geschlossenen Augen da, den Kopf ans Fenster gelehnt. Als der Zug bei der nächsten Station hält, öffnet er plötzlich die Augen, erschrickt, erkundigt sich schnell bei seiner Sitznachbarin nach etwas, was ich nicht verstehe und hastet hinaus, ohne eine Antwort abzuwarten. Auf meine Nachfrage hin meint die Frau, der Mann hätte sie gefragt, ob er hier aussteigen müsse, wenn er zur Baumgartner Höhe wolle.

Sehr geehrte Frau Frogg,

dass Sie meine Mutmaßungen richtig verstehen, freut mich, denn nichts liegt mir ferner, als Ihnen - wie Sie es bezeichnen - einen Tritt in den Allerwertesten zu verpassen. Erlauben Sie mir bitte, eine kurze Geschichte zu erzählen, die erklärt, weshalb ich von der Untrennbarkeit von Körper und Geist/Seele überzeugt bin und davon, dass manchmal die Seele ihre Not nur über den Körper manifestieren kann (Wobei von einer gestörten Persönlichkeit keine Rede sein kann, auf diese Feststellung lege ich allergrößten Wert !):

Es war einmal eine junge Frau, die viel Kraft und Energie hatte; sie mochte ihr Leben, war in ihrer Partnerschaft glücklich, hatte einen Beruf, der zwar anstrengend war, ihr aber Freude machte. Die Tatsache, dass das Verhältnis zu ihren Eltern nicht das allerbeste war, um es diplomatisch zu formulieren, verdrängte sie, was ihr auch leichtfiel, weil sie räumlich weit genug von ihren Eltern entfernt lebte. Eines Tages stellte sich heraus, dass ihr Partner sie betrog. Nicht nur mit einer einzigen Frau, sondern mit mehreren wahllosen Bekanntschaften, oft nur One-Night-Stands. Schon bevor die Frau die Gewissheit darüber erlangt hatte, was hinter ihrem Rücken geschah, litt sie unter zusehends heftiger werdenden Magenschmerzen, die unabhängig von bestimmten Nahrungsmitteln auftraten, jedoch immer dann kamen, wenn sie zu überlegen begann, weshalb ihr Partner in letzter Zeit so oft Überstunden machte und sich ihr gegenüber anders verhielt als noch vor wenigen Wochen. Bei der Arbeit hatte sie keine Schmerzen, ihre Tätigkeit war für sie befriedigend und bei den Kunden war sie beliebt, sobald sie jedoch die gemeinsame Wohnung betrat, machte sich ein drückendes Gefühl im Magen bemerkbar, das sich im Laufe der Wochen zu schweren Krämpfen steigerte, während derer sie nur gekrümmt zu liegen vermochte und darauf hoffte, der Schlaf würde sich ihrer gnädig erbarmen und ihre Schmerzen lindern. Einen Arztbesuch vermied sie, weil sie Angst hatte, wenngleich sie nicht wusste, wovor. Eine Freundin empfahl ihr ein Medikament, das ihr half, den Krämpfen ihre Macht zu nehmen, und so lebte die Frau weiter, als wäre nichts geschehen.

Einige Monate danach ergab sich die Gelegenheit, mit ihrem Partner in ihren Heimatort zu ziehen; über die Probleme in der Beziehung konnte oder wollte ihr Partner nicht sprechen, und so hoffte sie, der Ortswechsel würde auch eine Änderung der Lebensumstände bringen und somit alles zum Guten wenden. Kurz nach der Übersiedlung stellte sich heraus, dass das Haus, in das sie mit ihrem Partner gezogen war, auf Jahre hinaus eine Baustelle sein würde. Vom ersten Tag an waren die Magenschmerzen wieder da, und das Medikament wirkte ob der Heftigkeit der Schmerzen nur mehr unzulänglich. Nach wenigen Wochen spürte sie, dass in ihrer Partnerschaft erneut Risse auftraten. Das Spiel wiederholte sich, die Überstunden wurden mehr. Über Nacht bekam die Frau Schmerzen in den Nieren, die an Stärke alles übertrafen, was sie zuvor gekannt hatte; der Arzt kam ins Haus, weil sie nicht mehr in der Lage war, zu gehen, und diagnostizierte eine beiderseitige Nierenbeckenentzündung. Sie bekam starke Medikamente verschrieben, die ihr halfen, wieder auf die Füße zu kommen. Wenige Wochen später wurde sie schwanger. Das Kind war nicht geplant im eigentlichen Sinn, jedoch hatten ihr Partner und sie sich vor längerer Zeit entschieden, keine Empfängnisverhütungsmittel mehr zu verwenden und ohne Zeitdruck zu warten, was geschehen würde. Sie freute sich unendlich auf das Baby, und auch ihr Partner schien innerlich wieder zu ihr zurückzukommen. Bis auf die gelegentliche Übelkeit, die sich in normalem Rahmen bewegte, ging es ihr während ihrer Schwangerschaft blendend. Niemand wagte es in dieser Zeit, sich gegen sie zu stellen: Weder die intrigante Schwiegermutter noch die nicht minder intrigante Schwägerin noch die eigenen Eltern, für die Kinder ein notwendiges Übel waren und ansonsten ihrer Tochter eher ablehnend gegenüberstanden, weil für sie nur schwere körperliche Arbeit den Maßstab darstellte, an welchem ein Mensch zu messen war.

Als das Kind noch keinen Monat auf der Welt war, kehrten die alten Zustände zurück – die Entfremdung des Partners, die Intrigen seiner Familie, die Vorwürfe der Eltern, die meinten, ihr sagen zu müssen, wie sie zu leben und vor allem wie und was sie zu arbeiten habe - und mit ihnen kamen die Magenschmerzen wieder. Nicht nur die Magenschmerzen, denn die Frau, die noch nie in ihrem Leben Rückenprobleme gehabt hatte, litt plötzlich an dem, was man gemeinhin als Hexenschuss bezeichnet. Nicht nur einmal, sondern zwei bis drei Mal im Monat konnte sie sich binnen weniger Sekunden nicht mehr bewegen. Sie musste keine schweren Dinge heben, um in diesen Zustand zu verfallen, es genügte manchmal ein unerfreulicher Gedanke, von denen sie viele hatte zu dieser Zeit. Die Schmerzen, die sie zu ertragen hatte, waren jenseits jeglicher Beschreibung. Manchmal wünschte sie sich, am Morgen einfach nicht mehr aufzuwachen, damit sie all dieses Elend endlich hinter sich lassen könne. Der Gedanke an ihr Kind war es, der sie immer wieder dazu brachte, aufzustehen, weiterzumachen und auf bessere Zeiten zu hoffen.

Eines Tages, als sie einmal mehr bis zur Unbeweglichkeit erstarrt war, sagte der Hausarzt, der sie seit ihrer Kindheit kannte, sehr ruhig und besonnen zu ihr:
„Ich kann dir Medikamente verschreiben, die gegen die Symptome und die Schmerzen wirken, aber dein Leben selber kann ich nicht verändern.“
Diese Worte begannen immer stärker in ihr zu wirken, je länger sie darüber nachdachte – umso mehr, als ihr Arzt ein Schulmediziner im klassischen Sinn war, dem nichts fremder war als Gespenstersehen.

Von diesem Tag an kam wieder Bewegung in ihr Leben, und mit jedem Tag, an dem sie – auch mit Hilfe von Büchern, die ihr von einer zu dieser Zeit in ihr Leben tretenden Freundin empfohlen wurden - tiefer in sich selber hineinsah, wurden ihren Schmerzen weniger. Sie sind nicht mehr zurückgekommen, und wenn eigenartige, dauerhafte Symptome, die auf logische Weise (genetische Veranlagung, äußere Einwirkung und ähnliche Fakten) nicht erklärbar sind, auftreten, forscht sie seitdem nach, was in ihrem Leben nicht stimmt.

Die Frau bin übrigens ich, falls dies noch jemand nicht vermutet haben sollte. Und diese Geschichte ist auch der Grund dafür, warum ich so sehr davon überzeugt bin, dass es keinen Sinn hat, vor sich selber davonzulaufen oder auch unbedingt nur auf ärztliches Wissen und Medikamente zu hoffen.

Gestern abend also Running Sushi. Auf der anderen Seite der Transportbänder sitzen zwei Männer und eine Frau, jeder ungefähr um die zwanzig Jahre, vielleicht auch ein wenig älter. Die beiden Männer haben links und rechts neben der Frau Platz genommen, die sich mit zunehmender Dauer der Unterhaltung mehr an den links von ihr sitzenden Mann wendet, woraufhin der andere beginnt, mit Gerichten auf dem unteren Laufband herumzuspielen. So schüttet er beispielsweise unter hysterischem Gekicher Sojasauce auf Kokospudding und garniert Melonenstücke mit Wasabi. Das scharfsichtige Personal entdeckt sehr schnell, was hier gespielt wird, und beobachtet den Mann von da an permanent so, dass er es auch bemerkt und sein Treiben unterlässt. Es gelingt ihm für die restliche Zeit ihres Aufenthalts nicht mehr, die Aufmerksamkeit der Frau auf sich zu ziehen.

Gut, dass es Internet gibt. Diverse Zeitungen bieten die Option, Immobilien via www genauer in Augenschein zu nehmen und ermöglichen somit schon eine gewisse Vorselektion über die kostenbedingt knappen Informationen eines Zeitungsinserates hinaus. In unserem Fall geht es um die Findung einer adäquaten Eigentumswohnung in Wien, welche ein paar Grundvoraussetzungen erfüllen soll: Der Zustand darf nicht dergestalt sein, dass gleich noch einmal die Höhe des Kaufpreises investiert werden muss, um die Immobilie bewohnbar zu machen, das Haus sollte nicht direkt an einer der Hauptverkehrsstraßen (z.B. Westeinfahrt) liegen, die Infrastruktur muss familienfreundlich sein. Ob Alt- oder Neubau, spielt keine Rolle, auch die Grundfläche ist variabel und der Rest ergibt sich, und aufgrund der wenigen Suchkriterien bietet sich jedesmal eine brauchbare Auswahl an Wohnungen an, die durchzuwühlen sehr viel Freude macht. Schon nach wenigen Tagen habe ich jedoch festgestellt, dass in meinem Kopf Geschichten entstehen, wenn ich die Bildergalerien zu den Anzeigen durchsehe. Da ist die erst vor kurzem sehr schön renovierte Wohnung, geschmackvoll eingerichtet und auch preislich tragbar, deren ganzer Erscheinung jedoch „das gewisse Etwas“ fehlt und die mir sehr plastisch das Gefühl vermittelt, dass ich es hier mit dem zu tun habe, was ich als „Scheidungswaise“ zu bezeichnen pflege. Dass eine Wohnung mit wenigem und abgewohntem Mobilar und Tapeten aus den frühen 70ern eine eher traurige Geschichte erzählt, liegt für mich auf der Hand, dafür bin ich erstaunt, mit welcher Wurstigkeit manche Menschen ihre zu verkaufende Wohnung präsentieren: Ein chaotisches Durcheinander präsentiert sich dem überraschten Betrachter, und auch achtlos herumliegende Unterwäsche wurde schon gesichtet. Wissen diese Leutchen nicht von der Existenz des www – oder haben sie, was ich eher glaube, schwerwiegendere Sorgen ?

Eine andere Wohnung zieht von der Grundfläche her meine Aufmerksamkeit auf sich: 125m² - das ist mehr, als das Haus hier an Wohnfläche zu bieten hat ! Einen Mausklick weiter bin ich klüger, denn es handelt sich um einen Altbau, dessen ursprüngliche Bestimmung unter anderem eine Unterbringungsmöglichkeit für Pferde war, was soweit auch kein Problem wäre – hätte nicht das Wohnzimmer eine Grundfläche von über 80 Quadratmetern, was dann die restliche Wohnfläche auf einen etwas größeren Laufstall reduziert ... Noch ein Klick, und ich habe eine weitere, durchaus ansprechende Wohnung vor mir, deren Raumaufteilung auf den ersten Blick gefällt. Auf den zweiten allerdings nicht mehr, denn einer der Räume ist nur über einen weiteren Raum zu betreten, wodurch sich die Überlegung aufdrängt, welches Zimmer der dritte Raum sein soll. Muss die Teenagertochter ihr Refugium via Elternschlafzimmer betreten oder gleich durchs Wohnzimmer gehen ? Müssen unsere Gäste unser Schlafzimmer queren oder jenes der Tochter ? Müssen WIR das Schlafzimmer der Tochter queren, um unser Schlafgemach zu erreichen ? Der Gedanke an Elternschlafzimmer und Wohnzimmer nebeneinander ist übrigens auch nicht besonders reizvoll. Alles in allem keine erfreuliche Perspektive, und ich frage mich, was sich wohl die Erbauer dieses Wohnhauses bei diesem Grundriss gedacht haben (nach einem Umbau sieht die Wohnung nämlich nicht aus) ...

Apropos: Die blumige Sprache der Makler finde ich absolut köstlich ! Wenn mir eine Wohnung mit „in Wirtschaftswunderqualität“ angepriesen wird und statt Bildern nur zwei Grundrisse zu sehen sind, gehe ich beispielsweise davon aus, dass die Wohnung in den 60er-Jahren erbaut und danach kaum mehr saniert wurde – aber die Beschreibung klingt durch und durch positiv ! Soll sie ja auch, ich weiß eh, wegen des Interesses und der Aufmerksamkeit und überhaupt, nur lösen manche Worte bei mir halt andere Assoziationen aus als beim Durchschnitt, was aber auch daran liegt, dass ich auf einige Erfahrungen mit Immobilien zurückgreifen kann. Im Zusammenhang mit einem Haus mit großem Garten hab ich auch schon gelesen „zum Wachküssen“ – mich schauderts bei dem Gedanken an die Arbeit und das Geld, die in solch eine Immobilie investiert werden müssen, denn die lyrische, an Dornröschen erinnernde Phrase heißt für mich nichts anderes, als dass weder Haus noch Garten in den vergangenen Jahren über ein Minimum hinaus (wenn überhaupt) bewirtschaftet wurden. Ich möcht jedenfalls nicht einer der Prinzen sein, die in der Hecke hängenbleiben.

Fortsetzung folgt

 

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