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Geschichten

Heute früh habe ich den aktuellen Statusbericht vom Krankenhaus erhalten und wollte daraufhin sofort meiner Mutter telefonisch mitteilen, was ich erfahren hatte. Ungefähr jede halbe Stunde wählte ich die Telefonnummer meiner Eltern - ohne Erfolg. Als um die Mittagszeit endlich meine Mutter den Hörer abnahm, bekam ich mit vorwurfsvollem Unterton zu hören, sie habe bereits mehrmals versucht, mich anzurufen, ich sei aber nicht ans Handy gegangen. Da ich aber aus naheliegenden Gründen derzeit mein Handy stets in Hörweite habe und darüber hinaus auf dem Display sehe, ob jemand angerufen hat, dementierte ich, Anrufe von ihr erhalten zu haben. Meine Mutter bestand weiterhin pikiert darauf, mich angerufen zu haben, woraufhin ich fragte, wie sie denn angerufen habe (meine jeweilige Telefonnummer ist im alten Tastentelefon meiner Eltern auf einem seit vielen Jahren fixen Platz als Kurzwahl abgespeichert). Sie antwortete, ebendiese Kurzwahl (hier "xyz" genannt) verwendet zu haben.

Dieser Sache wollte ich auf den Grund gehen und bat sie, mich kurz anzurufen. Nichts rührte sich. Ich rief zurück.

Mutter: Wieso bist du nicht ans Telefon gegangen ?!?
Ich: Weil es nicht geläutet hat. Was hast du denn gewählt ?
Mutter: Naja, die xyz und danach deine Handynummer !

Gut, dass es Internet gibt. Diverse Zeitungen bieten die Option, Immobilien via www genauer in Augenschein zu nehmen und ermöglichen somit schon eine gewisse Vorselektion über die kostenbedingt knappen Informationen eines Zeitungsinserates hinaus. In unserem Fall geht es um die Findung einer adäquaten Eigentumswohnung in Wien, welche ein paar Grundvoraussetzungen erfüllen soll: Der Zustand darf nicht dergestalt sein, dass gleich noch einmal die Höhe des Kaufpreises investiert werden muss, um die Immobilie bewohnbar zu machen, das Haus sollte nicht direkt an einer der Hauptverkehrsstraßen (z.B. Westeinfahrt) liegen, die Infrastruktur muss familienfreundlich sein. Ob Alt- oder Neubau, spielt keine Rolle, auch die Grundfläche ist variabel und der Rest ergibt sich, und aufgrund der wenigen Suchkriterien bietet sich jedesmal eine brauchbare Auswahl an Wohnungen an, die durchzuwühlen sehr viel Freude macht. Schon nach wenigen Tagen habe ich jedoch festgestellt, dass in meinem Kopf Geschichten entstehen, wenn ich die Bildergalerien zu den Anzeigen durchsehe. Da ist die erst vor kurzem sehr schön renovierte Wohnung, geschmackvoll eingerichtet und auch preislich tragbar, deren ganzer Erscheinung jedoch „das gewisse Etwas“ fehlt und die mir sehr plastisch das Gefühl vermittelt, dass ich es hier mit dem zu tun habe, was ich als „Scheidungswaise“ zu bezeichnen pflege. Dass eine Wohnung mit wenigem und abgewohntem Mobilar und Tapeten aus den frühen 70ern eine eher traurige Geschichte erzählt, liegt für mich auf der Hand, dafür bin ich erstaunt, mit welcher Wurstigkeit manche Menschen ihre zu verkaufende Wohnung präsentieren: Ein chaotisches Durcheinander präsentiert sich dem überraschten Betrachter, und auch achtlos herumliegende Unterwäsche wurde schon gesichtet. Wissen diese Leutchen nicht von der Existenz des www – oder haben sie, was ich eher glaube, schwerwiegendere Sorgen ?

Eine andere Wohnung zieht von der Grundfläche her meine Aufmerksamkeit auf sich: 125m² - das ist mehr, als das Haus hier an Wohnfläche zu bieten hat ! Einen Mausklick weiter bin ich klüger, denn es handelt sich um einen Altbau, dessen ursprüngliche Bestimmung unter anderem eine Unterbringungsmöglichkeit für Pferde war, was soweit auch kein Problem wäre – hätte nicht das Wohnzimmer eine Grundfläche von über 80 Quadratmetern, was dann die restliche Wohnfläche auf einen etwas größeren Laufstall reduziert ... Noch ein Klick, und ich habe eine weitere, durchaus ansprechende Wohnung vor mir, deren Raumaufteilung auf den ersten Blick gefällt. Auf den zweiten allerdings nicht mehr, denn einer der Räume ist nur über einen weiteren Raum zu betreten, wodurch sich die Überlegung aufdrängt, welches Zimmer der dritte Raum sein soll. Muss die Teenagertochter ihr Refugium via Elternschlafzimmer betreten oder gleich durchs Wohnzimmer gehen ? Müssen unsere Gäste unser Schlafzimmer queren oder jenes der Tochter ? Müssen WIR das Schlafzimmer der Tochter queren, um unser Schlafgemach zu erreichen ? Der Gedanke an Elternschlafzimmer und Wohnzimmer nebeneinander ist übrigens auch nicht besonders reizvoll. Alles in allem keine erfreuliche Perspektive, und ich frage mich, was sich wohl die Erbauer dieses Wohnhauses bei diesem Grundriss gedacht haben (nach einem Umbau sieht die Wohnung nämlich nicht aus) ...

Apropos: Die blumige Sprache der Makler finde ich absolut köstlich ! Wenn mir eine Wohnung mit „in Wirtschaftswunderqualität“ angepriesen wird und statt Bildern nur zwei Grundrisse zu sehen sind, gehe ich beispielsweise davon aus, dass die Wohnung in den 60er-Jahren erbaut und danach kaum mehr saniert wurde – aber die Beschreibung klingt durch und durch positiv ! Soll sie ja auch, ich weiß eh, wegen des Interesses und der Aufmerksamkeit und überhaupt, nur lösen manche Worte bei mir halt andere Assoziationen aus als beim Durchschnitt, was aber auch daran liegt, dass ich auf einige Erfahrungen mit Immobilien zurückgreifen kann. Im Zusammenhang mit einem Haus mit großem Garten hab ich auch schon gelesen „zum Wachküssen“ – mich schauderts bei dem Gedanken an die Arbeit und das Geld, die in solch eine Immobilie investiert werden müssen, denn die lyrische, an Dornröschen erinnernde Phrase heißt für mich nichts anderes, als dass weder Haus noch Garten in den vergangenen Jahren über ein Minimum hinaus (wenn überhaupt) bewirtschaftet wurden. Ich möcht jedenfalls nicht einer der Prinzen sein, die in der Hecke hängenbleiben.

Fortsetzung folgt

Das kleine blonde Mädchen spielte selbstvergessen im Sandkasten, über den ein hoher, sonnenbeschienener Jasminstrauch seine blütenübersäten Äste streckte. Der schöne große Hund lag daneben und beobachtete aus klugen Augen jede Bewegung des Kindes, aufmerksam und dennoch ruhig, während die Mutter der Kleinen einen großen Korb Wäsche ins Haus trug. Arbeit gab es mehr als genug, soviel, dass die Frau oft am Rande der Erschöpfung war. Seit das Kind den Kindergarten besuchte, war zwar manches ein wenig leichter geworden, aber dennoch fand sie kaum Zeit, ihre Gedanken zu ordnen. Ab und zu schrieb sie an einer Art Tagebuch, das sie auf dem Computer angelegt hatte, den ihr Lebensgefährte gekauft hatte, damit ein wenig Abwechslung in den Alltag käme. Sie war noch immer nicht sicher, ob sie eine richtige Entscheidung getroffen hatte, als sie zuließ, dass aus ihrer Freundschaft mehr wurde. Einerseits hatte er sich als zuverlässiger Freund erwiesen, als sich herausstellte, dass ihre Ehe unrettbar verloren war; er versuchte sogar noch zwischen ihr und ihrem Ehemann, seinem Arbeitskollegen, zu vermitteln, was aber nicht gelang, weil schon zuviel Porzellan zerbrochen war und sie nicht mehr in der Lage war, jenem Menschen, mit dem sie einmal das ganze Leben verbringen wollte, zu vertrauen. Sie war tief gesunken in den Jahren vor der Scheidung, das heißt: eigentlich war er tief gesunken, aber für sie stellte es keinen Unterschied dar, ob der Gerichtsvollzieher zu ihm oder zu ihr kam, um festzustellen, dass es ohnehin nichts zu holen gab. Wie groß waren die Hoffnungen gewesen, die sie in den Umzug in ihr heimatliches Bundesland gesetzt hatte ! Sie hatte geglaubt, ihr Ehemann würde sich charakterlich wieder stabilisieren, wenn er in einiger Entfernung zu seiner Familie und zu seinen großteils falschen Freunden lebte. Wie enttäuscht war sie, als sie erkannte, dass er in Wirklichkeit zu jenen Menschen zählte, die fragwürdige Charaktere anziehen wie das Licht die Motten ! Vor dem Umzug hatten sie Pläne geschmiedet, die dahin gingen, Kinder zu bekommen und sich eine lebenswerte Existenz aufzubauen, in der Liebe, Familie und Freundschaft einen hohen Stellenwert einnahmen, doch die Frau wurde wider Erwarten nicht schwanger. Sie führte diese Tatsache auf den Umzugsstress zurück und darauf, dass sich zeigte, dass das Haus in einem bedeutend weniger bewohnbaren Zustand war, als man zuerst annehmen konnte, was sie bedrückte und auf Kosten der Lebensfreude ging.

Das Leben auf der Dauerbaustelle kostete sie Substanz. Sie nahm dennoch all ihren Mut zusammen und versuchte jeden Tag aufs Neue, sich zu motivieren. Es gelang ihr nicht immer, sie laborierte an schweren Magenschmerzen, die sich anfühlten, als habe sie Messer geschluckt. Der Hausarzt, ein erfahrener Mediziner, der sie schon seit ihrer Kindheit kannte, verschrieb ihr Medikamente gegen die entsetzlichen Schmerzen. Er musterte sie nachdenklich und meinte dann, er könne ihr zwar Medikamente verabreichen, an ihren Lebensumständen etwas zu ändern, läge jedoch nicht in seiner Macht. Zu den Magenproblemen gesellte sich eine Nierenbeckenentzündung, so schmerzhaft, dass sie weder sitzen noch liegen konnte, und sogar das Gehen verursachte ihr Schmerzen.

Kurze Zeit später, als ihr unmittelbar, nachdem sie nachmittags Kaffee getrunken hatte, übel wurde, erkannte sie, dass sie wider Erwarten schwanger war. Nach dem ersten Schrecken begann sie, sich unbändig auf ihr Kind zu freuen. Der Mann war weniger begeistert; er schien diesbezüglich keinerlei Erwartungen mehr gehegt zu haben und wusste nicht, wie er mit der neuen Situation umgehen sollte. Während der Schwangerschaft war er noch seltener zu Hause als sonst, ja, er ließ sich sogar beruflich für einige Wochen in ein anderes Bundesland versetzen. Daheim wartete seine schwangere Frau auf ein Lebenszeichen, welches jedoch meist ausblieb. Während dieser Zeit hatten sich ihr jetziger Lebensgefährte, der damals noch mit einer anderen Frau zusammen gewesen war, rührend um sie gekümmert. Er und seine Freundin schauten öfter vorbei, obwohl beide nicht in der Nähe wohnten, und sie verstand sich mit beiden gut. Als dann in einer nebligen Herbstnacht das kleine Mädchen zur Welt kam, gehörte er zu den ersten Menschen, die die Kleine sahen. Die Frau war oft müde – noch mehr als die Anstrengung, bei Tag und bei Nacht für das Baby da sein zu müssen, strapazierte sie die immer schwieriger werdende Beziehung zu ihrem Ehemann, der nun aus seinen Affären keinen Hehl mehr machte, obwohl er sie nach wie vor nicht offen eingestand. Seine Kleidung roch nach fremdem, billigem Parfum, er kam kaum mehr vor Mitternacht nach Hause und gab mit vollen Händen sein ohnehin nicht hohes Einkommen aus, Geld, das der Frau an allen Ecken und Enden fehlte. Eines Tages nahm sie all ihren Mut zusammen und erklärte ihm, sie wolle sich scheiden lassen; er drehte sich nicht einmal um und nahm ihre Worte mit versteinertem Gesichtsausdruck hin. Nach der Trennung zeigte er nur wenig Interesse an einem weiteren Kontakt zu seiner Tochter, sodass er sie in ihren ersten drei Lebensjahren höchstens drei oder vier Mal gesehen hatte.

Um die Zeit ihrer Scheidung herum war auch die Partnerschaft des Freundes ins Trudeln geraten und hatte mit verletzender Untreue geendet. Es ergab sich, dass die beiden Enttäuschten einander trösteten und Sicherheit gaben; ob diese Basis jedoch genügend Fundament für eine dauerhafte Beziehung darstellte, sollte die Zeit zeigen. Zuverlässig war er, wenngleich auch manchmal eine Spur zu sparsam, sodass das Haushalten nicht immer leicht fiel, und so suchte sie bald einen Nebenjob, dem sie im Rahmen ihrer zeitlichen Möglichkeiten nachgehen konnte. Als sehr schwierig stellte sich die Betreuung des kleinen Mädchens heraus, denn Kinderkrippen gab es keine in der Umgebung, und die Eltern der Frau waren mit dem kleinen Mädchen überfordert, sobald sie länger als zwei Stunden bei Ihnen war. Die Eltern ihres Freundes lebten zu weit entfernt, als dass sie ihr in dieser Beziehung hilfreich zur Seite stehen hätten stehen, obwohl sie dazu gerne bereit gewesen wären, weil sie die Frau mit ihrer ruhigen Art sehr schätzten. Irgendwie schaffte sie dennoch den Spagat zwischen Kind, Beruf und Haushalt, und lebte auf diese Weise leidlich zufrieden dahin.

Manchmal aber haderte die Frau mit ihrem Leben, mit ihren Träumen und Erwartungen, und schimpfte sich dann in Gedanken selber aus, weil ihr das, was sie sich wünschte und ersehnte, oft genug zu kühn und unrealistisch erschien. Sei froh, dass du ein gesundes Kind und einen netten Partner hast, sagte sie um ein solches Mal zu sich selbst, alles andere sind Flausen, die in einem Hollywoodfilm Platz haben, nicht aber im wirklichen Leben. Die unbestimmte Traurigkeit, die ihr das Herz schwer machte und den Hals zuschnürte, ignorierte sie geflissentlich.

Um zwei Uhr nachts schaltete sie den Fernseher und die Stehlampe aus und setzte sich dann in eines der beiden Fauteuils, um durch die Balkontüre die um diese Uhrzeit nur mehr wenig befahrene Straße zu beobachten. Manchmal hatte sie Glück und der dunkelblaue Wagen, den sie nachts an der Form der Scheinwerfer erkannte, bog unmittelbar, nachdem sie ihren Wachposten eingenommen hatte, um die hügelige Kurve und fuhr wenige Sekunden später in die Sackgasse, in der sie wohnte. Diese Momente der Erleichterung waren selten geworden, denn meistens gelang es ihr nicht, während der Stunden des vergeblichen Wartens die Dämonen der Angst und der Verzweiflung zu besiegen, die sich wie schwarze Schatten über ihre noch junge Ehe gelegt hatten. Oh ja, er war attraktiv und charmant, als er ihr damals in dem Hotel, in dem sie beide eine Anstellung hatten, begegnet war. Ihm war sie sofort aufgefallen - weshalb eigentlich, hätte sie nicht zu sagen vermocht. Großgewachsen war er, sodass sie sich, die selber nicht klein war, in seiner Gegenwart auch körperlich geborgen fühlen durfte. Für ihn war es selbstverständlich, dass sie auf sein Werben einging, er hatte nichts anderes erwartet. Sie wiederum fühlte sich geschmeichelt und es tat ihr insgeheim gut, den Neid anderer Frauen, die seiner ansichtig wurden, zu spüren. Jetzt war zur Abwechslung einmal sie diejenige, die neidische Blicke auf sich zog und dabei ganz genau wusste, wie denen zumute war, die für dieses Mal das Nachsehen hatten. Bei den Gästen des Hotels waren sie beide gerne gesehen, und als publik wurde, dass die jungen Leute „miteinander gingen“, steigerte das ihren Beliebtheitsgrad zusätzlich. Er verstärkte durch seine bloße Anwesenheit ihre Ausstrahlung, sodass sie binnen kurzer Zeit nicht mehr zu übersehen war, und er sonnte sich wiederum in der Tatsache, dass nun auch andere Männer neidische Blicke auf das Paar warfen. Es war eine gute Wintersaison mit viel Arbeit, aber auch viel Spaß mit den anderen Angestellten, die sich freuten, eine Stimmungskanone wie ihn in ihrer Mitte zu haben. Gegen Ende der Saison kristallisierte sich heraus, dass sie mit ihm in seinen Heimatort in einem südlichen Bundesland fahren würde, was dann auch geschah. Seine Familie schien nett zu sein, wenngleich auch irritierend auf die Frau wirkte, dass sein Vater alle Brücken zu seiner Familie abgebrochen hatte und in einem anderen Staat lebte. Frischverliebt maß sie jedoch dieser Tatsache nur geringe Bedeutung bei und stürzte sich stattdessen aufs Neue in die Arbeit, diesmal auf Sommersaison, mit ihm zusammen.

Im Herbst ergab sich in einem gar nicht einmal besonders tiefgründigen Gespräch der gemeinsame Entschluss, zu heiraten. Von diesem Tag an begann sich das Verhältnis zwischen der Frau und der Familie des Mannes zu verändern. Sie spürte wieder Neid und Eifersucht, doch jetzt hatten diese Gefühle ihre Wurzel darin, dass die Frau von der Mutter des Mannes und von seinen Schwestern plötzlich als ernsthafte Konkurrentin wahrgenommen wurde. Ihr war diese Denkweise fremd; sie hatte gehofft, endlich zu einer großen Familie zu gehören. Der Mann war von der neuen Situation überfordert. Die Frau beschloss, die Zeit für sich arbeiten zu lassen und abzuwarten, bis sich seine Familie an die Lage gewöhnt haben würde. An einem kalten Februartag fand die standesamtliche Trauung statt; eine kirchliche Hochzeit war nie zur Debatte gestanden. Die Mutter des Mannes hatte angekündigt, der Zeremonie demonstrativ fernbleiben zu wollen und erschien dann im letzten Augenblick doch noch, angetan mit einem teuren Pelz und ebensolchem Schmuck, was bei der kleinen und bescheidenen Trauung furchtbar beklemmend und deplaziert wirkte. Die Ehe stand unter keinem guten Stern. Der Vater der Frau kaufte eine hübsche kleine Eigentumswohnung, deren Fixkosten bescheiden waren und mit wenig Geld gelang es den Beiden, sich nett einzurichten. Kurz darauf bekam der Mann eine gut dotierte Anstellung in einem florierenden Lokal, dessen Gäste auch gerne und reichlich Trinkgelder gaben, sodass alleine diese für die Abdeckung der monatlichen Fixkosten gereicht hätten. Das Geld wurde trotzdem rasch knapp, denn der Mann fuhr in nicht mehr nüchternem Zustand auf dem Heimweg von der Arbeit das gemeinsame Auto zu Schrott, was zur Folge hatte, dass auf Kredit ein neuer Gebrauchtwagen angeschafft werden musste. Sie versuchte, nach dem Ende der Sommersaison den Winter mit Taxifahren zu überbrücken – ein mühsames Unterfangen, denn der Mann zeigte wenig Willen, seine Gepflogenheiten zu ändern. Für ihn war es normal, nach der Sperrstunde noch mit unverheirateten Kollegen auszugehen und das eben erst verdiente Trinkgeld wieder auszugeben.

Sie verstand bis zu einem gewissen Grad, dass er Abwechslung vom Alltag brauchte und in dieser Form fand, wenngleich sie es vorgezogen hätte, dass er weniger oft sehr spät heimgekommen wäre. Hinzu kam, dass der von seiner Mutter ausgeübte Druck nicht weniger, sondern mehr wurde. Sie hatte der Frau unterstellt, es nur auf ihr Geld abgesehen zu haben, und war gewohnt, ihre Kinder aufgrund deren jugendlichen Alters weitgehend in finanzieller Abhängigkeit zu halten. Nun sollte plötzlich das Geld nicht mehr zählen, wodurch sie ihre eigene Existenz in Frage gestellt sah. Sie begann, auf ihrer Schwiegertochter herumzuhacken, indem sie sie als „Außenstehende“ bezeichnete und auch deren Eltern ohne den geringsten Anlass wie Bittsteller und von oben herab behandelte. Die Frau zog ihrem Mann zuliebe den Kopf ein, um ihn nicht noch mehr in Bedrängnis zu bringen, doch als eines Tages die Schwiegermutter sie hörbar betrunken anrief, um sie aufs Äußerste zu beschimpfen, schwieg sie nicht länger und erzählte ihrem Mann von dieser Entgleisung. Er stellte sich zwar sofort auf die Seite seiner Gattin, war innerlich jedoch von den Geschehnissen zutiefst zerrissen. Er ging noch öfter aus als zuvor, und es war auch schon einmal vorgekommen, dass er sehr spät sichtlich betrunken heimkam und auf die Vorwürfe seiner besorgten und entnervten Frau reagierte, indem er die Einrichtung des Vorzimmers zertrümmerte.

Es war vier Uhr früh, als der Wagen langsam über die hügelige Straße heraufkam.

Aus dem Fenster im zweiten Stock des alten Hauses, in dem sich ihre Dienstwohnung befand, beobachtete die junge Frau den Parkplatz an der Straße, die hinter dem malerischen Bauwerk vorbeiführte. Wie sie es hasste, darauf zu warten, dass ihr Freund mit ihrem Wagen, den er sich ausgeliehen hatte, in die Straße und in weiterer Folge in den Parkplatz einbog ! In letzter Zeit hatte sie zusehends öfter feststellen müssen, dass auf ihn kein Verlass mehr war; er hielt Verabredungen nur mehr spürbar ungern ein und vermied es, mit ihr alleine auszugehen. Die jungen Leute hatten sich zusammen für die ausgeschriebenen Stellen in dem gut frequentierten Restaurant und Tanzlokal in einem weit entfernten Bundesland beworben und waren auch beide aufgrund ihrer Referenzen und ihres Auftretens aufgenommen worden. Kennengelernt hatten sie einander, kurz nachdem die junge Frau ihre Matura abgelegt hatte, gegenseitige Sympathie und auch eine gewisse Anziehung waren vorhanden, wenngleich von der großen Liebe keine Rede sein konnte. Es handelte sich mehr um eine Partnerschaft, in der beide ein wenig Geborgenheit fanden, Ruhe und gegenseitige Zuwendung. Die junge Frau entsprach zwar nicht den gängigen Schönheitsidealen, war aber auf ihre Weise attraktiv und hatte vor allem einen messerscharfen Verstand, der, gepaart mit fallweise beißender Ironie, viele der gleichaltrigen Männer abschreckte, sodass sie sich zusehends öfter fragte, ob ihre Art nicht tatsächlich so unmöglich war, wie es den Anschein hatte. Er hatte sich jedenfalls nicht abschrecken lassen, was alleine schon ihrem angeschlagenen Selbstwertgefühl gut tat. In dem Haus, in dem die Beiden ihre Dienstwohnungen hatten (es gab aus Platzgründen nur Einzelzimmer, deshalb bewohnten sie getrennte Räume) lebten auschließlich Angestellte des Lokales, sodass ein reges Kommen und Gehen herrschte. Ihr Freund blieb jedoch nach wie vor aus. Sie zog ihre Arbeitskleidung an, kontrollierte noch einmal den Inhalt ihrer Kellnergeldbörse, versperrte dann ihr Zimmer und machte sich auf den Weg ins Erdgeschoß, um ihre Kollegin, die Frühschicht gehabt hatte, abzulösen. Viel war an diesem sonnigen Frühlingstag nicht los, was ihr aber heute nur gelegen kam, denn sie hatte genug damit zu tun, ihre Nervosität zu verbergen, die im Spannungsfeld aus Wut, Angst (es könnte ja auch ein Unfall geschehen sein) und Enttäuschung entstand. War er ihr Rechenschaft schuldig ? Er hatte heute einen freien Tag und hatte sich den Wagen ausgeborgt, um einige Erledigungen zu tätigen; wahrscheinlich war er aufgehalten worden oder hatte einfach nur die Zeit übersehen. Sie versuchte, sich selber zu beruhigen, was ihr aber nur unzureichend gelang. Als er plötzlich lächelnd und selbstbewusst durch die Vordertür das Lokal betrat, in dem sie Dienst tat, hätte sie ihn am liebsten geohrfeigt. Sie spürte, dass etwas nicht stimmte, konnte aber nicht benennen, was sie so sehr irritierte. Es war kein fremder Geruch an ihm, keine Lippenstiftspur am Hemd, überhaupt nichts, was optisch oder olfaktorisch erkennbar gewesen wäre. Und dennoch lag etwas in seiner Ausstrahlung, was ihr mehr Gewissheit gab als jeder andere greifbare Beweis, sodass ihr schlagartig klar wurde, dass sein lässig-entspanntes Auftreten nicht ihr galt, sondern seinen Ursprung bei einer anderen Frau hatte. Als er sie fragte, ob er sich den Wagen noch einmal kurz leihen könnte, weil er noch einen Weg hätte, bejahte sie, obwohl sie sich im nächsten Moment in die Zunge hätte beißen mögen.

Zwei Tage später rutschte einem Arbeitskollegen eine Bemerkung heraus, die keinen Zweifel daran ließ, dass ihr Freund ihr Vertrauen missbraucht hatte, wobei sich gleichzeitig herausstellte, dass er an ihrem vorigen gemeinsamen Arbeitsplatz eine andere Frau kennengelernt hatte, die nicht allzuweit von der jetzigen Arbeitsstelle entfernt lebte. Die Beiden hatten das, was man als „Verhältnis“ bezeichnet, obwohl „Unverhältnis“ der treffendere Ausdruck wäre. Wie überhaupt die Vorsilbe „ver-„ im Allgemeinen nichts Gutes bedeutet – verloren, verlaufen, verunglückt, vertrieben, verleumdet, vergiftet; nur „verliebt“ ist einer der wenigen positiv belegten Begriffe, und sogar das vielfach zu Unrecht. Vertraut (Schon wieder eines dieser „ver“ – Wörter !) hatte sie ihm – war das denn ein Fehler ? Sollte sie umdenken und grundsätzlich jedem Menschen misstrauen ? Nein, das entsprach weder ihrer Sicht der Welt noch ihrem Naturell. Lieber riskieren, einmal mehr auf die Nase zu fallen, statt jemanden, der sie ehrlich mochte, ruppig mit ungerechtfertigten Unterstellungen vor den Kopf zu stoßen, dachte sie.

Als sie ihn mit dem Wissen über seine Affäre konfrontierte, machte er nicht einmal den Versuch, das Geschehene zu leugnen. Noch am selben Tag beendete sie die Partnerschaft, die schon länger, als sie geahnt hatte, keine mehr gewesen war.

Das junge Mädchen hatte es eilig damit, an diesem schönen Sommertag, der baldige unbeschwerte und lange Schulferien verhieß, nach Hause zu kommen. Der Bus, mit dem sie täglich die Strecke zwischen der nahegelegenen Bezirkshauptstadt und ihrem Elternhaus zurücklegte, schien viel zu langsam zu fahren, aber schließlich fand sie sich doch an der Bushaltestelle wieder, hörte das rasselnde Geräusch des abfahrenden Busses und überquerte rasch die hölzerne Fußgängerbrücke, die zu dem Waldstück führte, an dessen Ende das Haus ihrer Eltern stand. Sie drückte die Klingel, woraufhin ihre Mutter die Tür öffnete, stürmte nach einer hastigen Begrüßung in die Wohnküche und blickte gespannt auf jene Stelle der Ablage beim Hängeschrank, auf der ihre Mutter die an ihre Tochter gerichtete Post abzulegen pflegte. Was sie dort sah, ließ ihr Herz höher schlagen. Mit zitternden Händen griff sie in der Bestecklade nach einem Messer, um den Brief nicht mit bloßen Händen aufzureißen, was ihr wie ein Frevel erschienen wäre. Sie öffnete das pastellfarbene Kuvert und zog einen Bogen händisch beschriebenen Papiers heraus, dessen Inhalt sie schon kannte, bevor sie ihn las, und dennoch verschlang sie mit atemlosem Herzklopfen jedes einzelne Wort, das dort geschrieben stand.

Sie war glücklich.

Sie las den Brief drei, vier, fünf Mal, vielleicht auch öfter. Und sie erinnerte sich daran, wie diese wunderbare, märchenhafte, romantische Zeit begonnen hatte – damals an diesem trostlosen Silvesterabend.

Silvester war für ihre Eltern kein besonderer Tag; bei ihnen war es eher üblich, am Neujahrstag Verwandte zu besuchen und gute Wünsche für das Neue Jahr zu überbringen. Darüber hinaus stand ihr Wohnhaus weit abgelegen vom Rest des Dorfes, durch ein Wäldchen von diesem getrennt, sodass auch das Beobachten des kleinen im Ort stattfindenden Feuerwerkes sich in dem Anblick des Lichtscheines zwischen den Bäumen erschöpfte. Als Kind hatte sie von den Silvesterbräuchen in anderen Familien nichts gewusst, als sie jedoch mit nicht ganz sechzehn Jahren begann, an den Wochenenden auszugehen, tat sich ihr eine andere Welt auf. In der Diskothek im Nachbarort, die glücklicherweise eine der beliebtesten im Umkreis von fünfzig Kilometern war, fand sich schnell eine Clique von gleichaltrigen Mädchen aus ihrem Wohnort zusammen, sodass die Wochenenden immer zu kurz wurden. Tanzen, ja das war es ! Der Discjockey machte seinen Job zwar nur nebenberuflich, hatte jedoch ein sagenhaftes Händchen für die richtige Musikauswahl, bei der keine Vorlieben zu kurz kamen, was wiederum für ein stets volles Lokal sorgte. Nur an diesem einen vertrackten Silvesterabend lief einiges schief, denn aufgrund der Tatsache, dass zwei große private Silvesterfeiern bei Leuten mit sturmfreier Bude stattfanden, war ihr Stammlokal nur mäßig besucht. Es war nicht ungemütlich, nein, das nicht, aber es wollte auch keine rechte Stimmung aufkommen. Die anderen Mädchen, mit denen sie sonst den größten Teil ihrer Freizeit verbrachte, hatte sich bei einer der anderen Feiern eingefunden; M. hätte jederzeit mitkommen können, wollte aber nicht, weil sie privaten Feiern etwas skeptisch gegenüberstand, vor allem dann, wenn für diese kistenweise Alkoholvorräte gehortet wurden. Sie trank gerne ein Glas eines guten Getränkes – das war es aber auch schon, denn sie wollte sich mit Leuten unterhalten und eine gute Zeit haben, was aber mit zunehmendem Alkoholpegel der Umgebung schwierig bis unmöglich wurde. Also war sie alleine in die Disco gefahren, hatte sich dort an die Bar gesetzt und sich ein wenig mit den Wirtsleuten und ein paar anderen Bekannten unterhalten, die aber später ebenfalls zu einer Party aufgebrochen waren. Sie musterte unauffällig die anderen Gäste, die um die große Bar herum saßen. Die meisten kannte sie nur vom Sehen; zwei Hocker weiter unterhielt sich eine schon beinahe erwachsen wirkende Frau mit einem jungen Mann. Sie überlegte kurz, ob sie den Beiden schon einmal begegnet war, konnte sich aber nicht an die Gesichter erinnern. Wahrscheinlich waren die Zwei während der Weihnachtsferien zu Besuch bei Verwandten und wollten jetzt zur Abwechslung unter Gleichaltrigen sein; so etwas kam öfter vor und sorgte manchmal für interessante Bekanntschaften und neue Impulse.

Der Zeiger der Uhr rückte unerbittlich gegen Mitternacht, aber nach wie vor hielt sich der Zustrom der Gäste in Grenzen. M. begann, vor sich hin zu grübeln, was sich jedoch bald als schwerer Fehler erwies, denn ihre Gedanken schweiften ab in die dunklen Gefilde unerfüllter Sehnsüchte, in denen sie sich einer Flutwelle von Gefühlen ausgesetzt sah, die sie nicht mehr in den Griff bekam, was dazu führte, dass sie, als die Uhr Mitternacht schlug, weinend an der Bar saß. Das fehlte gerade, und dann auch noch in ihrem Stammlokal ! Von lautem Schluchzen konnte zwar keine Rede sein, sondern sie weinte ihre Tränen still vor sich hin, fand sich selbst aber trotzdem arg daneben und bemühte sich, den Kopf einzuziehen und die anderen Gäste, die ohnehin mit Zuprosten beschäftigt waren, nicht merken zu lassen, wie es um sie stand.

Als sie plötzlich direkt neben sich eine männliche Stimme vernahm, die zweifellos an sie gerichtet war, erschrak sie, drehte sich um – und sah in zwei wunderschöne Augen, die sie einfühlsam musterten. Was die Stimme sagte, registrierte sie fürs erste überhaupt nicht, sie verstand nur, dass da jemanden ihr Gefühlszustand nicht kalt ließ und antwortete diffus und befangen. Überraschend schnell entwickelte sich ein angeregtes Gespräch, und bereits nach wenigen Minuten war die restliche Welt um die Beiden herum versunken. Sie unterhielten sich über Gott und die Welt und spürten dabei, dass sich eine Magie um sie herum aufbaute, die beide noch nie zuvor gekannt hatten. Es stellte sich heraus, dass der junge Mann aus einer benachbarten Ortschaft stammte, jedoch in einer etwas weiter entfernten Stadt eine Fachschule besuchte, weshalb er nur die Wochenenden in seinem Heimatort verbrachte. M. registrierte nur mehr am Rande, dass sich nach und nach wieder alle möglichen bekannten Gesichter einfanden, die nach Beendigung der Privatfeiern, welche nur mäßig unterhaltsam gewesen waren, hierherkamen, um Stimmung zu machen. Als gegen Morgen die Gäste weniger wurden, wollte C.’s Begleiterin, die seine ältere Schwester war, die Heimfahrt antreten. Man trennte sich schweren Herzens, jedoch mit dem Versprechen, einander am kommenden Wochenende hier wieder zu treffen, was dann auch unter bangem Herzklopfen und nach Tagen zaghafter Vorfreude, durchmischt von der Angst vor einer Enttäuschung, geschah. Daraus entwickelte sich eine wunderbare Liebesgeschichte. Von Montag bis Freitag wartete jeden Tag ein Brief auf M., in dem manchmal Alltäglichkeiten Platz fanden, meist jedoch die Seiten vor Liebe und Zärtlichkeit beinahe übergingen. Nicht in sexueller Hinsicht, o nein, dafür waren beide noch zu unsicher; das Pflänzchen „Liebe“ wollte wachsen und gedeihen, ohne Zeitdruck und ohne Zwänge. Die Briefe wurden natürlich umgehend beantwortet, ebenso atemlos und zärtlich. Als die beiden jungen Leute eines Tages in der Diskothek, die mittlerweile auch sein Stammlokal geworden war, einander innigst küssten, meinte einer der bereits erwachsenen Gäste halb im Ernst, halb im Spaß, dass es wohl besser wäre, die Beiden würden „miteinander ins Bett gehen“. M. und C. vermieden es, einander in die Augen zu sehen, und wussten doch beide, dass er auf seine etwas derbe Art wohl recht hatte. An einem warmen, regnerischen Frühlingsabend ließen sie zu ersten Mal ihrer beider Liebe rückhaltlos freien Lauf. Die ganze Zärtlichkeit der vergangenen Monate entlud sich, während der Duft von feuchter Erde und bunten Sommerblumen den Raum durchzog, und mit leiser Melancholie sang Rod Stewart „The first Cut is the deepest“.

Dieser wundervolle Abend lag nun bereits einige Wochen zurück. M. hielt den Brief in ihren noch immer zitternden Händen und hätte die Welt umarmen können. Es war gut, dass sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass seine Briefe bald zurückhaltender wurden und dass er ihr an einem Samstag zu Beginn der Sommerferien äußerlich kühl mitteilte, er müsse „Schluss machen“, weil seine Eltern diese Liebe nicht tolerieren würden.

 

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