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Gesellschaft

Würde ich Aktien kaufen wollen, ich läse zuerst die Stellenangebote jenes Unternehmens, welches ich ins Auge gefasst hätte. Seriosität in der Geschäftsgebarung äußert sich auch in eher schlichten und dennoch präzisen Anforderungsbeschreibungen, die sowohl ohne prahlerische Anglizismen als auch ohne hochtrabende Formulierungen das Auslangen finden. Sieht man die größerformatigen Annoncen in diversen Zeitungen durch, stellt sich einem unweigerlich die Frage, wie wirtschaftlich stabil Firmen sind, die offensichtlich Unmengen von heißer Luft benötigen, um Mitarbeiter zu requirieren. „Mehr scheinen als sein“ lautet die Devise, wenn Posten zur Besetzung ausgeschrieben werden. So sucht beispielsweise ein Unternehmen namens „Austrian Energy & Environment“ diverse Mitarbeiter und streut mitten in das deutschsprachige Inserat ein:“Are you prepared to Act with Excellence & Efficiency ?“ Abgesehen davon, dass die Wortspielerei mit den Anfangsbuchstaben eher uninspiriert wirkt – muss man mit englischen Einsprengseln arbeiten, wenn in Österreich Mitarbeiter gesucht werden ? Sollte das Anforderungsprofil Fremdsprachenkenntnisse einschließen, lässt sich diese Voraussetzung problemlos und unprätentiös in ein Stellenangebot integrieren, möchte man meinen.

Die vielen englischen Berufsbezeichnungen bewirken ohnehin mittlerweile genau das Gegenteil dessen, was sie ursprünglich bezwecken sollten, nämlich den Ausdruck einer gewissen Exklusivität und einer internationalen Ausrichtung. Deutschsprachige Formulierungen sind selten geworden und offenbar fehlt vielen Auftraggebern für Annoncen darüber hinaus ein gewisses Gespür, das helfen könnte, Peinlichkeiten zu vermeiden. Wie sonst ließe sich erklären, dass Sätze wie „Wir erwarten von Ihnen einen exzellenten Beitrag zur Umsetzung unserer Mission“ zu finden sind ? Wohlgemerkt - wir sprechen hier von einem österreichischen Gewürzgroßhändler, nicht von „Ärzte ohne Grenzen“ oder Greenpeace. Aber auch deutsche Berufsbezeichnungen schützen nicht vor hohlen Schlagwörtern: Der großformatige Divisionsleiter entpuppt sich bei näherer Betrachtung als Schleudersitzjob mit integrierter Fußabstreiferfunktion in einer Baumarktkette.

Nicht weniger seltsam mutet der Verlust gelegentlicher zwangloser Treffen von Mitarbeitern einer Firma an. Noch bis vor vielleicht zehn, höchstens zwanzig Jahren gab es drei oder vier Mal pro Jahr einen Kegelabend, vielleicht auch einen Volksfestbesuch, ein Essen in entspannter Atmosphäre. Die Initiative für solche privaten Unternehmungen ging fast immer von den Angestellten aus. Heute nennt sich ein solches Treffen „social event“ [ßo:schal ieeh:wäntt] und wird von der Chefetage oktroyiert, und wehe dem, der mehrmals an solch unentspanntem Schmafu nicht teilzunehmen gewillt ist: Er findet sich schneller auf der Abschussliste als ihm lieb sein kann. Gerne folgt solchen Zwangsbeglückungen am nächsten Tag ein äußerst, ÄUSSERST! wichtiges Meeting – wahrscheinlich entweder, um abzutesten, wer blaumacht, oder, um herauszufinden, mit wie wenig Schlaf ein Mitarbeiter noch klar denken kann.

Manchmal würde man schon gerne wissen, was sich in den Köpfen vieler Führungskräfte abspielt. Oder vielleicht auch nicht. Möglicherweise wäre bei einer Öffnung des Schädels nur ein Kärtchen mit einem Vermerk zu finden, worauf stünde: „Leerraum produktionsbedingt“.

... es kann Ihr Leben retten.

Mit Karl Lagerfeld verbindet mich eine Art Hassliebe. Für manche seiner Aussagen könnte ich ihn auf den Mond schießen, andererseits trifft er mit seinem Stil meinen Geschmack oft sehr genau. Sympathiepunkte hat er sich bei mir jetzt wieder mit einer Kampagne des französischen Umweltministeriums erworben, in der es um die Steigerung der Sicherheit auf den französischen Straßen geht und welche zu diesem Zweck Warndreieck und Sicherheitsweste propagiert. Er hat sich für diese Aktion zur Verfügung gestellt - ohne Gage, wohlgemerkt.

Kampagne

Zur Information: Ab 1. Juli müssen Autos in Frankreich Pannendreieck und Sicherheitsweste mitführen, ab 1. Oktober wird das Fehlen dieser Accessoires mit 135 Euro geahndet.

Hier nochmal das Plakat in Großformat

Vor über eineinhalb Jahren lag ein an unsere Tochter adressierter Brief in unserem Briefkasten, der von einer deutschen Anwaltskanzlei stammte und mittels dessen eine Firma einen bestimmten Betrag anmahnte (eine reguläre Rechnung hatten wir nie erhalten), weil die Tochter angeblich auf der Website dieser Firma eine mit Kosten verbundene Leistung in Anspruch genommen hatte. Unsere innerfamiliären Nachforschungen ergaben, dass unser Kind tatsächlich die Seite "http://www.iqfight.de/" angeklickt und den Test absolviert hatte, wobei in der damaligen Version der Seite keineswegs ersichtlich war, dass die Teilnahme kostenpflichtig ist. Auf Anraten der Arbeiterkammer und auch etlichen anderen Informationen zufolge haben wir den Brief ignoriert.

Heute nun trudelte ein Schreiben einer Anwältin namens Katja Günther, Kanzleiadresse Brienner Straße 44, 80333 München ein (nicht identisch mit der Kanzlei aus der ersten Mahnung von 2006). In diesem Brief wird darauf hingewiesen, dass die Mandantin - die Firma "Online Service LTD", vertreten durch einen gewissen Robert Adamca, Rodenbacher Chaussee Nr. 6, D-63457 Hanau - bereits mehrfach Mahnungen verschickt habe. Dem Brief sieht man schon von weitem an, dass es sich um einen Serienbrief handelt; interessant ist auch die Tatsache, dass der Betreff "Mahnung" so aufgedruckt ist, dass man ihn bereits durch das Fenster des Kuverts lesen kann. So setzt man Menschen unter Druck ! Mich allerdings nicht.

An dieser Stelle ist das Götz-Zitat einzufügen. Nein, nicht das mit Licht und Schatten, sondern das andere.

In der Online-Ausgabe von NEWS habe ich vorhin einen Artikel gefunden, dessen Inhalt mich wahrhaftig erschreckt hat. Es geht darum, dass in Österreich Unmengen von Brot täglich im Müll landen, weil Supermärkte und Bäckereien im Sinne der Konkurrenzfähigkeit gezwungen sind, bis zum Geschäftsschluss Brot in großer Auswahl anzubieten. Auf den Konsumenten wirft dies allerdings kein gutes Licht, denn offensichtlich gehört die Fähigkeit zum Organisieren und Disponieren heute nicht mehr zum Repertoire der Haushaltsführung.

Der Artikel in voller Länge

Eine Kulturschande sondergleichen, wenn mich jemand fragt. Alles in mir sträubt sich gegen den Gedanken, Brot wegzuwerfen, obwohl ich weder zur Kriegs- noch zur Nachkriegsgeneration zähle. Angesichts der weltweiten Ernährungslage sollte eine solche Handlung ein Tabu erster Güte sein !

Gegen Schulschluss dürfen in manchen Fächern die Schüler Wünsche äußern, wie die letzten Unterrichtsstunden des Schuljahres gestaltet werden sollen. Gerne wird dabei auf die Option "Film schauen" zurückgegriffen, wobei sich auch hier die Wahl des Filmes in erster Linie nach den Schülern richtet. Wenn nun im Zuge des Ethikunterrichts der dritten Klasse einer Gymnasialunterstufe (entspricht der 7. Schulstufe in der BRD) der Film "Lord of War" zum Einsatz kommt, ist das dann Mut - oder eine Zumutung ?

edit: Die Altersfreigabe ist mir diesfalls relativ egal, zumal ich nur selten zu verstehen glaube, nach welchen Kriterien hier geurteilt wird (Werden die Leichen gezählt ? Werden die geflossenen Liter Blut geschätzt ? Zählen potentiell psychisch belastende Situationen überhaupt, solange keine abgetrennten Körperteile zu sehen sind ?). Mir geht es bei meiner Fragestellung um die Thematik des Filmes.

Bei jenen Textilgeschäften, die sich als jung und modeorientiert verstanden wissen wollen, wird Größe 42 - sofern überhaupt vorhanden - bereits als Übergröße angeboten. Begreiflich, wenn man sieht, dass Größe 34/36 mittlerweile als Normalgröße gehandelt wird (Grimmige Grüße an Victoria Beckham, die dazu beigetragen hat, dass es nunmehr Jeans in Größe 0 zu kaufen gibt !). Als logische Konsequenz dieses Größenwahns finden sich in den Wäscheabteilungen ebendieser Geschäfte bei der Suche nach BHs beinahe ausschließlich sehr gut gepolsterte Push-Ups.

Natürlich bekomme ich mit meiner Walkürenstatur in keinem dieser Shops passende Kleidung - dafür brauche ich allerdings auch keinen Push-Up.

artikel-augustin

Im Grunde genommen weiß ich noch immer nicht, was ich von dem ganzen EURO-Fußballgetue halten soll, wiewohl eine gewisse Skepsis sehr wohl zusehends Raum greift. Vor allem eine Skepsis den Machenschaften diverser Fußballorganisationen gegenüber, die auch in einem Artikel in der vorigen Printausgabe des "Augustin" recht deutlich beim Namen genannt werden (sowohl die Organisationen als auch die Machenschaften). Mir fällt dazu ein Buch ein, welches ich zwar nur vom Titel her kenne, das sich jedoch ebenfalls mit den Machenschaften der Fußballwelt (konkret der FIFA) beschäftigt: Wie das Spiel verlorenging.

Für den, der nicht nur vor der EURO flüchten möchte, wird übrigens eine Ausweichmöglichkeit der etwas anderen Art im Annoncenteil des "Standard" vom 17. Mai angeboten:

stellenangebot

Wenn eine Person - nennen wir sie "A" - mit 29 Personen ihres engeren Umfeldes ohne Heuchelei und Verstellung hervorragend zurechtkommt, mit einer einzigen (hier "B" genannt) jedoch immer wieder größtenteils um Nichtigkeiten erbitterten Streit hat und sich dennoch nicht von B distanziert, ohne dass materielle Ursachen für dieses Verhalten vorliegen, was hat A dann für Gründe, B nicht zum Teufel zu jagen, wie sie es normalerweise in dieser Situation machen würde ?

Dem nächsten Menschen, der mir vollmundig zu erklären versucht, dass sich Österreich mitten in einem wirtschaftlichen Aufschwung befindet, fahre ich dermaßen in die Parade, dass er sich in den folgenden Monaten reflexartig duckt, wenn er nur meinen Namen hört.

[Rubrik: Immobilienmarkt]

Was sich im Keller dieses Amstettener Hauses über soviele Jahre hinweg abgespielt hat, übersteigt die Vorstellungskraft der meisten Menschen; der klassische Small Talk über alltägliche Neuigkeiten ist hier nicht mehr möglich, weil es sogar den Hartgesottenen unter uns angesichts dieses namenlosen Grauens, das an tiefste Ängste rührt, die Sprache verschlägt. Versuchte Gespräche über diese Ereignisse münden nach der Einleitung "Was sagst du zu der Geschichte, die in Amstetten passiert ist ?" in ein "Da bleibt mir der Verstand stehen", verbunden mit einem hilflosen Kopfschütteln. Vielleicht wird man Einblicke in die Psyche der Bestie (die Bezeichnung "Vater" gestehe ich diesem Scheusal nicht zu) erhalten, vielleicht auch nicht, gebrochene Menschen werden auf jeden Fall zurückbleiben.

Auch in dieser Causa werden bereits Stimmen laut, die das Jugendamt der Ignoranz und Tatenlosigkeit beschuldigen. Dieser Ansatz ist völlig falsch, denn die Zeit und die mit ihr verbundenen gesellschaftlichen Veränderungen bringen es mit sich, dass diese Behörde eine jener Institutionen ist, die mittlerweile völlig überfordert sind. Nicht überfordert aus mangelnder Kompetenz, sondern überfordert, weil massiver Personalmangel die erforderliche Wahrnehmung der Pflichten erschwert bis unmöglich macht. War noch in den 70er-Jahren das Jugendamt eine Instanz, die man nur vom Hörensagen kannte und der der Nimbus der Randgruppenbetreuung anhaftete, so gibt es heute im Vergleich zu damals sehr viele Menschen, die auf die Hilfe der Jugendämter angewiesen sind. Auch ich habe über zehn Jahre lang zu ihnen gehört, da ausbleibende Alimentationszahlungen ein Eingreifen des Jugendamtes erforderlich machten, und habe mir in dieser Zeit ein Bild über das Ausmaß der Verantwortung und die Größe der Aufgaben machen können. Sogar im Bereich der Bezirkshauptstädte würde in diesem Bereich viel mehr Personal benötigt als tatsächlich vorhanden ist; die Problematik in menschlicher und materieller Hinsicht überforderter Eltern hat schon lange auch im ländlichen Bereich Einzug gehalten, und mit ihr sind die Aufgaben der Mitarbeiter/innen der Jugendämter sprunghaft angestiegen. Ich habe dort Menschen kennengelernt, die aus tiefster Überzeugung ihren Beruf ausüben und dennoch jeden Tag aufs Neue dagegen ankämpfen, in einem Wust aus administrativen Tätigkeiten und Betreuungsaufgaben unterzugehen. Dass man das täglich Erlebte nicht beim Verlassen des Arbeitsplatzes abschütteln und am nächsten Tag entspannt wieder aufnehmen kann, steht darüber hinaus wohl außer Frage. Der Staat ist hier zweifellos gefordert und verpflichtet, den geänderten gesellschaftlichen Bedingungen Rechnung zu tragen und die Jugendämter massiv in der Wahrnehmung ihrer Aufgaben zu unterstützen; Jugendämter dürfen nicht mehr als Sündenbock fungieren, wenn andere gesellschaftliche Regulative versagt haben. Mit Sozialarbeiter-Bashing ist nämlich niemandem geholfen.

 

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