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Kinder

Heute mittag beim Einkaufen:

Meine Tochter und ich gehen durch den Supermarkt und kommen dabei an einem Pärchen vorbei, dessen weiblicher Teil eine Symphonie aus weiß und pink trägt, garniert durch längeres, stark blondiertes Haar. Die junge Frau sieht aus wie eine menschgewordene Barbiepuppe vom Typ Gülcan - und spricht auch so.

Nachdem wir ein Stück weitergegangen sind, fragt mich meine Tochter plötzlich von der Seite her:"Sag einmal - wird sowas eigentlich mit Batterie geliefert ?"

Der beste aller Ehemänner und unsere Tochter sitzen jeweils am eigenen Rechner, spielen im Web und kommunzieren via Teamspeak. Miteinander. In der selben Wohnung.

Ausnahmezustand. Aber ein erfreulicher, denn eine Freundin der Tochter kommt morgen aus der alten Heimat zu Besuch. Zwei kichernde Teenager, ein durchgedrehter Hund und ein volles Besichtigungsprogramm, denn das Mädchen war noch nie in Wien und begehrt natürlich etliche Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Schönbrunner Tiergarten, Schönbrunner Schlosspark, Innenstadt, Prater stehen auf der Wunschliste und natürlich ein paar ihr bis dato unbekannte kulinarische Genüsse, wie zum Beispiel "Running Sushi". Wir gehen derzeit für Sushi am liebsten zum Hanil an der Rechten Wienzeile beim Naschmarkt, weil die Fischqualität sehr hoch ist und auch die anderen Gerichte vorzüglich sind. Also, wenn es dort nicht schmeckt, ist Sushi gestrichen, aber verhungern wird sie sicher nicht. Morgen werde ich noch kurz die Fußcreme- und Baldrianbestände überprüfen, und dann kanns losgehen. Ich bin schon gespannt, wie es ihr hier gefallen wird !

Nach dem gestrigen Sturm schauts bei uns im Grätzl aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Dieser optische Eindruck passt allerdings ganz genau zu meiner Stimmung, und mit ein bissl Aberglauben könnte man das gestrige Gewitter recht gut als böses Omen werten.

Gestern also ist die Tochter am Abend wieder nach Hause gekommen, hat sich auch gefreut, wieder da zu sein und wirkte recht entspannt und zufrieden. Und ich blöde Kuh glaube ernsthaft, wenigstens ein paar Tage lang würde sie wieder schätzen, was sie an mir/uns und ihrem Zuhause hat. Schnepfendreck. Tatsache ist, dass sie heute früh bereits wieder eine Szene hingelegt hat, die den Erholungsfaktor meiner freien Tage zu 95% zunichte gemacht hat. Jammert hochgradig grantig herum, dass ihr so heiß sei, dabei hat sie ein langärmeliges T-Shirt aus relativ dickem Stoff an, obwohl daneben viel luftigere Sachen im Kleiderschrank hängen, und wird ausfallend, als ich sie auf diese Kleidungsstücke aufmerksam mache, denn nein, die sehen schei*e aus (O-Ton Tochter) und ganz nebenher versteigt sie sich noch dazu, mich bezüglich meines eigenen Kleidungsstils grob zu beleidigen. Was ich anziehe, sieht sowieso alles schei*e aus (ebenfalls O-Ton) und mir sei völlig egal, wie ich aussehe - ich frage mich in diesem Moment jenseits der Beleidigung, wo der an und für reichhaltige Wortschatz meiner Tochter wohl geblieben sein mag. Die restlichen 5% schafft sie übrigens heute mittag, da bin ich mir vollkommen sicher.

edit: Das am Montag gekaufte Gebäck rottet unangetastet im Rucksack vor sich hin, der übrige (gemeinsam ausgesuchte !) Proviant ist großteils unberührt, dafür liegt natürlich eine Fast-Food-Verpackung daneben. Diese Fundstücke sind auch nicht dazu angetan, meine Stimmung zu heben.

Warum ? Also, die Geschichte geht so:
Es war einmal eine Mutter, die sich mit ihrer liebreizenden Tochter aufs prächtigste verstand. An den Vormittagen wird mir nie langweilig (Auch sonst nicht, aber das steht hier nicht zur Debatte), weil Hund, Kater und Haushalt versorgt werden wollen. Die Waschmaschine läuft, der Staubsauger tut das, wofür er konstruiert wurde und dazwischen walte ich meines Amtes. Die Zeit ist gut eingeteilt, ich weiß, wie lange ich für welche Arbeit brauche, weiß, was noch zu tun ist, damit der Haushalt so aussieht, wie ich mir das vorstelle und stelle in Gedanken meine Einkaufsliste zusammen. Die beste aller Schwiegermütter hat heute noch nicht angerufen, was ein gutes Zeichen ist, weil in den letzten Monaten nach einem massiven und völlig unverschuldeten Wasserschaden bei ihr zeitweise Chaos herrschte und sie oft mehrmals täglich anrief, um Rat zu erfragen. Die Tochter kommt um ungefähr Zwei von der Schule heim - mein Zeitplan funktioniert ausgezeichnet, die Arbeit geht mir gut von der Hand.

Mittlerweile ist es Mittag und ich bin fast fertig mit meinen Vormittagspflichten; um Eins herum erledige ich die letzten Handgriffe, plane, um in einer halben Stunde mit Herrn Hund eine Mittagsrunde zu gehen und fühle mich ob meines bewältigten Pensums richtig gut. Als ich entspannt mit Herrn Hund das Haus verlassen will, steht die Tochter wie aus dem Boden geschossen draußen, wütend und vorwurfsvoll. "Du bist die ganze Zeit im Haus gewesen ???" bekomme ich grußlos zu hören und kenne mich fürs erste überhaupt nicht aus. "Ich läute SEIT EINER HALBEN STUNDE und du machst nicht auf !!!" Ich glaub, ich bin im falschen Film. Versteckte Kamera, oder wie ? Die Sache mit der Klingel kann ich mir überhaupt nicht erklären, denn ich war die ganze Zeit in Reichweite und auch Herr Hund hat keinerlei Anzeichen gezeigt, die darauf schließen hätten lassen, dass jemand geläutet habe. Ich frage, weshalb sie mich denn nicht per Handy über den Ausfall der letzten Schulstunde informiert habe, schließlich könne sie ja nicht wissen, ob ich überhaupt um diese Zeit zuhause bin ? Das Handy will sie nicht mitnehmen, denn sie wünscht nicht angerufen zu werden, meint sie, woraufhin ich entgegne, niemand von uns würde während der Schulzeit anrufen. Irrtum, hier geht es nicht um mich, sondern um Gleichaltrige. Mein Einwand, wir hätten ihr ein Handy besorgt, damit genau solche Situationen nicht eintreten, werden mit dem Argument vom Tisch gefegt, es sei ihr zu mühsam, am Morgen das Handy in die Schultasche zu packen. Selber schuld, und das gebe ich ihr auch zu verstehen - die Reaktion lässt nicht auf sich warten. Wie komme ich eigentlich dazu, mich auf offener Straße als rechthaberisch beschimpfen zu lassen ? Kinder sind nicht das Eigentum ihrer Eltern, keine Frage, allerdings sind Eltern auch nicht die Sklaven ihrer Kinder. Ok, auf dem Papier zumindest nicht.

In der Zwischenzeit läutet das Handy. Nicht das der Tochter, das liegt ja schließlich mehr oder weniger friedlich in deren Zimmer, sondern meines. Die Schwiegermutter teilt mir mit, dass ihr Kühlschrank im Begriff ist, das Zeitliche zu segnen. Gut, abgezeichnet hat sich diese Entwicklung schon länger, also werde ich mich morgen der Sache annehmen, sprich: mit ihr einen neuen kaufen gehen. Der erzwungene Waffenstillstand hält nicht lange, denn sofort nach Beendigung des Gespräches geht die sinnlose Diskussion weiter. Ja, meine Leserschaft ahnt es schon: Ich bin nicht nur die, die mit dem Hundesackerl durch die Gegend wandelt, sondern auch die, die mit vergrämter Miene und verfolgt von einem keppelnden Teenager durchs Grätzl schleicht, in der Hoffnung, die Erde möge sich vor ihr auftun und sie gnädig verschlingen.

Was war es schnell, worauf ich hinauswollte ? Kündigen, genau.

Edgar Degas hat viele wunderbare Bilder geschaffen, eines davon trägt den Titel "Absinthe". Da lange Zeit angenommen wurde, Absinth verursache aufgrund seines Thujon-Gehaltes schwere geistige und körperliche Schäden, brachte man den stumpfsinnigen Blick ins Leere, der beiden dargestellten Personen eigen ist, mit eben der Wirkung dieses Getränkes in Zusammenhang. Dass das im Absinth enthaltene Thujon bei weitem nicht so schädlich ist wie angenommen, weiß ich mittlerweile, und seit heute kenne ich auch den tatsächlichen Hintergrund dieser beiden Menschen - mit genau demselben Blick (und ohne Absinth) habe ich mich nämlich heute nachmittag auf der häuslichen Couch wiedergefunden, nachdem wieder einmal Zickenterror auf der Tagesordnung gestanden hatte. Ich behaupte also, der Mann und die Frau auf diesem Bild sind die Eltern mindestens eines pubertierenden Teenagers.

Diese Erkenntnis wird auch durch meine aktuelle Lektüre keineswegs entschärft: der namhafte österreichische Psychologe und Psychiater Max Friedrich beschreibt in seinem Buch "Irrgarten Pubertät" (Verlag Ueberreuter) sehr kompetent, was in Eltern und Kindern während der Pubertät vorgeht, er weist allerdings sinngemäß auch darauf hin, dass es für Eltern jede Menge Möglichkeiten gibt, in dieser Zeit alles falsch zu machen, was nur falsch gemacht werden kann. Natürlich ist er nicht in der Lage, Patentrezepte anzubieten (Würde er dies versuchen, wäre er ein übler Scharlatan !), durchleuchtet aber manche für Eltern völlig unverständliche Verhaltensweisen. Ob mir dieses Wissen allerdings zum Trost gereicht, kann ich derzeit noch nicht beurteilen ...

Ich habe meine Tochter dergestalt erzogen, dass der Muttertag keine Rolle in meinem Leben spielt, weil ich die Ansicht vertrete, dass meine mit der Mutterschaft verbundenen Tätigkeiten nicht nur an einem einzigen Tag des Jahres zur Kenntnis genommen werden sollten, und da auch nur, weil es die gesellschaftlichen Konventionen verlangen. Trotz dieses Ignorierens scheinen dennoch gewisse, durch Kindergarten und Volksschule hervorgerufene Introjektionen vorhanden zu sein, die in unvorbereiteten Situationen bei der Tochter zu einem reflexartigen schlechten Gewissen aufgrund nicht vorhandener Präsente führen. Anders kann ich mir den folgenden Gesprächsverlauf nämlich nicht erklären:

Ich (in einem völlig anderen Zusammenhang):"Am Sonntag ist Muttertag."
Tochter:"Ach du Schei*e !"

Wie wahr ... :-)

Weiß jemand heute noch, was dieser Begriff bedeutet ? Mir ist er aus den 70er-Jahren geläufig, in denen damit jene Kinder bezeichnet wurden, die einen eigenen Wohnungs- oder Hausschlüssel besaßen, weil sie aufgrund der Berufstätigkeit beider Eltern nach dem Unterricht auf sich gestellt waren. In den Schulklassen, die ich besucht habe, gab es niemanden, auf den diese Beschreibung zutraf; bei manchen Kindern warteten zu Hause zwar "nur" die Großeltern, aber alleine war nach der Schule niemand. Ich stellte mir diesen Zustand unschön vor, denn trotz vieler Querelen mit meiner Mutter war mir Streit immer noch lieber, als nach der Schule überhaupt keine Ansprache und auch kein Mittagessen zu haben (Ein warmes und liebevoll zubereitetes Mittagessen ist für ein Kind nach einem achtstündigen Schultag sehr wohl ein Thema, vor allem im Winter !). Auch wenn meine Mutter vieles von dem, was in der Schule geschah, nicht verstand, war sie wenigstens da und hörte mir zu. Die paar Tage im Jahr, an denen sie aufgrund eines Krankenbesuches oder einer Geburtstagsfeier nicht zuhause war, wenn ich heimkam, empfand ich einfach nur als grauslich, sogar, wenn das Wetter schön und warm war. Auf seltsame Art und Weise - und völlig irrational - fühlte ich mich im Stich gelassen. Kindliche Logik eben. Geändert hat sich dieser Zustand erst, als ich schon beinahe 15 war und auch in jeder Beziehung schon selbstständig genug, um mich selbst zu versorgen.

Jetzt, wo ich gerne wieder ins Berufsleben zurückkehren möchte, kämpfe ich zeitweise mit schweren Gewissensbissen. Halbtags oder in Richtung Home Office zu arbeiten, wäre machbar, wird aber wahrscheinlich an den mangelnden Angeboten scheitern - zumindest ist dies mein Eindruck, nachdem ich erste Sondierungen auf dem Arbeitsmarkt vorgenommen habe. Bei dem Gedanken an einen Ganztagsjob außer Haus gruselts mich, und zwar nicht der Arbeit wegen, sondern wegen der Dellen, die ich der Psyche meiner dreizehnjährigen Tochter damit möglicherweise zufüge. Erwähnen muss ich dazu, dass die Mutter des besten aller Ehemänner zwar sofort bereit wäre, sich nach der Schule um die Enkelin zu kümmern, sie jedoch einerseits relativ betagt ist und andererseits zeitweise gesundheitliche Probleme hat, die sie in ihrer Bewegungsfähigkeit stark einschränken, sodass ich auch in dieser Richtung das ungute Gefühl habe, jemanden zusätzliche Verantwortung aufzuhalsen, der mit sich selber schon genug zu tun hat. Eine schulische Nachmittagsbetreuung wäre grundsätzlich möglich, stellt aber meiner Beobachtung eher einen Aufbewahrungsplatz für (nicht selten von den Eltern als problematisch eingestufte) Kinder dar, der - abgesehen von der aus kindlicher Sicht wenig reizvollen Perspektive, den ganzen Tag in der Schule zu verbringen - auch eine Verschlechterung des sozialen Images des Kindes mit sich bringt. Somit drehen sich die Gedanken im Kreis, ohne dass eine gedeihliche und für alle Beteiligten tragbare Lösung in Sicht ist.

Was tun ?

In der neuen Schule meiner Tochter wird auch noch in der dritten Schulstufe technisch und textil gewerkt, und zwar jeweils ein halbes Jahr. Einerseits eine salomonische Lösung, die man sich jedoch durch die gänzliche Streichung des leidigen Übels "Werkunterricht" hätte sparen können. Dies geschah sichtlich nicht, weshalb ich jetzt einmal mehr zurück an den Start gehen muss und dabei keine 200,-- lukrieren darf, sondern im Gegenteil Geld für wirklich überflüssige Dinge auszugeben habe.

Mit den wirklich überflüssigen Dingen meine ich nicht die Grundmaterialien, zumal meine Tochter nicht ungeschickt im Nähen ist, sondern den Verschnitt, den ich nolens volens gleich im Stoffgeschäft mitzukaufen gezwungen bin. Die Handarbeitslehrerin ist nämlich ernsthaft der Meinung, jedes Stoffgeschäft würde begeistert alle Stoffe in einer Breite von 90 cm und mit einer Länge von 15 cm verkaufen. Schmarrn mit Quastl, wie der Österreicher zu sagen pflegt. Die Breite von 90 cm ist schon seit geraumer Zeit nicht mehr handelsüblich und die Mindestlänge liegt aus verständlichen Gründen bei wenigstens 20 cm. Von meiner Tochter auf diesen Umstand hingewiesen, meinte die Handarbeitslehrerin - sehr wahrscheinlich sozialisiert durch die "Trotzkopf-Bände", Lieblingsautorin Hedwig Courths-Mahler -, wir hätten lediglich im falschen Geschäft eingekauft. Nona, zum Komolka werd ich gehen wegen dieser Lächerlichkeit, um anschließend dort in den Annalen als "die mit den 15 cm Baumwollstoff" aufzuscheinen !

Derzeit fungiere ich einmal mehr als hauptberuflicher Fußabtreter der Teenagertochter und bin grundsätzlich an allem schuld, was ihr nicht in den Kram passt, gegen den Strich geht, sie bedrückt, sie belastet und überhaupt.

Ich würde gerne kündigen und nur mehr als freie Beraterin tätig sein.

 

twoday.net AGB

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